Wenn die Künstliche Intelligenz Serienenden errät

KI antizipiert nächste Handlung. (Screenshot: Youtube/MIT)
KI antizipiert nächste Handlung. (Screenshot: Youtube/MIT)

Intelligenz bedeutet, auf Muster zurückgreifen zu können und anhand dieses Erfahrungsschatzes mögliche Ereignisse zu erahnen. So weiß man beispielsweise als Fußgänger, wenn man hört, wie ein Autofahrer vor dem Zebrastreifen noch mal Gas gibt, dass der A… vermutlich nicht halten wird, und man bleibt lieber stehen. Roboter wissen das in der Regel noch nicht, daher würde so eine Begegnung für sie nicht positiv enden. Das nennt man dann Darwinismus.

Was das mit meinem Thema „Technik und Medien“ zu tun hat, erkläre ich gleich: Forscher am MIT für Computerwissenschaften haben einen Weg gefunden, KIs solche Muster beizubringen, indem sie ihnen einen Serienmarathon verordnet haben.

Serienmarathon verordnet

Der KI wurde 600 Stunden Filmmaterial aus „Big Bang Theorie“, „The Office“ und anderen aktuellen Serien vorgespielt. Anhand dieses „Erfahrungsschatzes“ sollte sie verstehen, in welchen Situationen Aktionen wie Küssen, Umarmungen oder ein Handschlag erfolgen. Um zu überprüfen, ob es funktioniert, wurden der KI im Anschluss daran Szenen gezeigt, die sie noch nicht kannte, und in 43 % der Fälle konnten sie vorhersagen, was als Nächstes geschehen würde. Bei Menschen liegt die Treffsicherheit in der Regel bei 71 %. Allerdings lief die Studie über 2 Jahre, während auf Menschenseite in der Regel 30 bis 40 Jahre Lebenserfahrung vorlagen. Der Autor der Studie, Carl Vondrick, meinte daher auch, dass es interessant sei zu erfahren, wie hoch die Trefferquote liege, wenn die KI ebenfalls 30 Jahre Erfahrung hinter sich habe.

Erfahrung und Intelligenz

Die Studie hat einen interessanten Ansatz, nur wirft sie eine Frage auf: Ist nicht die Tatsache, dass eben nicht alles so läuft wie erwartet, das, was uns an den Serien fasziniert? Bekanntestes Beispiel, das hoffentlich inzwischen kein Spoiler mehr ist: In „Game of Thrones“ erwartet jeder, dass Eddard Stark überlebt, doch genau das geschieht nicht. Von der Situation in der Serie ausgehend, ist es sogar realistisch, dass er nicht überlebt. Aber unsere Erfahrung mit fiktiven Geschichten lässt uns annehmen, dass auch hier der Held überlebt, weswegen wir über diese Wendung überrascht sind. Wer blickt denn dann „intelligenter“ auf die Welt – die KI, die das Muster fiktiver Erzählungen nicht berücksichtigt, oder der Mensch, der hier eine weitere Erfahrung einbringen kann?

Der Zweck der Übung ist im Übrigen nicht das Spoilern von Ereignissen in Serien, sondern das Verhindern von Unfällen. Womit wir wieder beim anfänglichen Beispiel wären: Wenn der Roboter vorhersehen kann, dass der Autofahrer nicht abbremsen wird, kann er beispielsweise Kinder daran hindern, auf die Straße zu laufen.

Wer mehr über diesen Forschungsansatz erfahren möchte, findet die Studie unter: http://web.mit.edu/vondrick/prediction.pdf

Rezension: „Heute dreimal ins Polarmeer gefallen“


cover_polarmeerAutor: Arthur Conan Doyle. Übersetzt von Alexander Pechmann. Erschienen im mare Verlag (http://www.mare.de/), Hardcover mit Schutzumschlag (ISBN 978-3-86648-209-8).

Erster Satz: „An einem Nachmittag im März 1880 beschloss ein junger Medizinstudent namens Arthur Conan Doyle spontan, sein Studium zu unterbrechen und als Schiffsarzt auf einem Arktis-Walfänger anzuheuern.“

Bevor Arthur Conan Doyle als Autor der Sherlock-Holmes-Reihe weltberühmt wurde, studierte er Medizin in Edinburgh. Neugierig beschloss er eines Tages, sich als Schiffsarzt auf einem Walfangboot anwerben zu lassen. Die Crew war froh, überhaupt einen Arzt an Bord zu haben, auch wenn dieser noch nicht fertig ausgebildet war. Für Conan Doyle wurde die sechs Monate dauernde Fahrt zu einem großen Abenteuer, bei dem er seine Eindrücke und Erlebnisse detailliert in einem Tagebuch festhielt.

Die nun vorliegende erste Übersetzung ins Deutsche des Tagesbuchs seiner Arktisfahrt liest sich selbst wie ein Abenteuerroman. Doyle erzählt von der Suche nach Walen und der Konkurrenz zwischen den Walfangbooten, von Robbenjagden und seiner Meeresschnecke „John Thomas“, die er in einem Gurkenglas hielt, von Boxkämpfen mit der Besatzung und seinem Problem, auf vereisten Schiffsplanken zu laufen – was ihm den Spitznamen „Eisvogel“ einbrachte, da er regelmäßig ins Wasser fiel.

Das Buch ist genau das Richtige für Bibliophile. Die Ausstattung ist wunderschön mit Leineneinband, Lesebändchen, Schuber und vielen Faksimilie-Seiten des Originaltagebuchs im Inneren.

Inhaltlich ist es ein Buch für alle, die von der durchaus skurrilen Persönlichkeit Conan Doyles fasziniert sind, für Liebhaber von Schifffahrtsabenteuern und für all diejenigen, die das 19. Jahrhundert als Epoche interessiert.

Fazit: Das Tagebuch eines schillernden Autors übersetzt für Bewunderer Conan Doyles und alle, die gerne Abenteuergeschichten zur See im 19. Jahrhundert lesen.

Leseprobe: http://www.mare.de/files/mare_doyle_polarmeer_lp.pdf

Rezension: Inspector Swanson und der Magische Zirkel

Marley_Swanson_3_Zirkel_72dpi_RGBAutor: Robert C. Marley. Erschienen im Dryas Verlag (http://www.dryas.de/), Taschenbuch (ISBN 978-3-940855-64-0) oder E-Book (ISBN978-3-941408-82-1).

Erster Satz: Draußen vor dem Sprossenfenster fiel leise der Schnee.

Ende des 19. Jahrhunderts ist die große Zeit der Varietés und der Show-Magier, deren berühmtester Vertreter, Harry Houdini, Menschenmassen in Atem hielt. Die Zauberei ist eine der heimlichen Leidenschaften von Scotland Yards Chief Inspector Swanson. Als er sich mit seiner Frau einen freien Abend gönnt, um die Vorstellung des großen van Dyke zu besuchen, kommt es zu einem Zwischenfall. Bei einer Entfesselungsnummer hat der sich in einen Wasserbottich einsperren lassen, doch das Schloss ist blockiert. Van Dyke kann gerade noch in letzter Sekunde gerettet werden. Zufall oder ein Anschlag auf sein Leben?

Swanson nimmt die Ermittlungen auf. Es ist sein dritter Fall nach „Inspector Swanson und der Fluch des Hope Diamanten“ und „Inspector Swanson und der Fall Jack the Ripper“. Unterstützt wird er wieder vom unerschütterlichen Sergeant Phelps und seinem Freund Sir Frederick Greenland – dessen Freund Oscar Wilde wiederum es nicht lassen kann, sich ebenfalls in diesen Fall einzumischen.

Ein Hinweis: Da ich für den Verlag arbeite, in dem das Buch erschienen ist, ist diese Rezension sicher voreingenommen. Aber dieser Roman ist eine Entdeckung, die ich Fans viktorianischer Krimis nicht vorenthalten will.

Lesenswert ist der Roman vor allem wegen der vielen Details über das Leben im viktorianischen London, die der Autor zusammengetragen hat und nebenbei in den Roman einfließen lässt. Dinge wie die Ausstattung der damals nagelneu eingerichteten Pathologie, die man mit zu wenig Personal in den Keller des Yard verbannt hatte. Oder dass Varieté damals ein durchaus elitäres Vergnügen war – zwei Karten für die Show kosten einen Chief Inspector sein halbes Monatsgehalt.

Großartig ist auch der Erzählstil des Autors. Er folgt abwechselnd unterschiedlichen Personen des Romans, wobei jede eine ganz eigene Art hat, die Welt zu betrachten. Wie ein Puzzle fügen sich so die Teile des Falls nach und nach ineinander. Durch den gesamten Roman zieht sich ein trockener, sehr britischer Humor, sodass man als Leser oft leise in sich hineinlachen muss.

Fazit: Sehr viktorianisch, sehr spannend und sehr empfehlenswert.

Leseprobe: http://www.dryas.de/baker-street/inspector-swanson-und-der-magische-zirkel

Perspektivlos glücklich

mops_gluecklichDer Mops hat, wie alle Hunde, kein Zeitempfinden und schon gar keinen Sinn für Perspektive. Ihm zu sagen, dass er, wenn er jetzt fünf Minuten in der Warteschlange bei der Post in keiner fremden Einkaufstasche schnüffelt, nachher ein Steak bekommt, ist sinnlos. So weit im Voraus denkt er nicht. Zwar versteht er sehr wohl, dass es für bestimmte Handlungen eine Belohnung gibt, die muss aber innerhalb der nächsten drei Sekunden nach der Tat erfolgen, sonst weiß er nicht mehr, warum er sie bekommt. Erfolgt die Belohnung zu spät, denkt der Mops, er wird fürs pure Dasein belobigt – was für ihn auch akzeptabel ist und zu einem nicht unbeträchtlichen Selbstbewusstsein führt.

Der Nachteil dieser Perspektivlosigkeit liegt auf der Hand – geplant und vorgesorgt wird nicht. Würde man den Mops mit einem Eimer Fressen drei Monate alleine lassen, wäre er am Ende verhungert, da er am ersten Tag alles gefressen hätte. Es soll Hunde geben, die sich das besser einteilen können – der Mops kann es nicht. Fressen muss sofort vernichtet werden, selbst wenn es noch in Plastikfolie eingeschweißt ist, das stört ihn herzlich wenig.

Aber auch der Vorteil dieser Einstellung liegt auf der Hand. Was jetzt passiert, ist einfach nur toll. Fressen zu bekommen ist großartig. Egal, ob es in ein paar Stunden wieder etwas geben wird, was ihm vielleicht noch viel besser schmeckt, das, was jetzt in seinem Napf liegt, ist jetzt sensationell. Gekrault zu werden ist klasse. Und zwar jetzt sofort. Ebenso mit anderen Hunden zu spielen. Sofort, und nicht erst, wenn wir auf der Wiese sind. Warten ist eine völlig unnütze Tätigkeit.

Ein bisschen neidisch kann einen dieses perspektivlose Glück schon machen. Gerade genießt man noch den Abend mit Freunden und sorgt sich schon wieder darum, am nächsten Tag nicht rechtzeitig aus dem Bett zu kommen. Einfach mal das Präsens genießen und nicht ans Futur denken, ist sicher einer der häufigsten Ratgebersprüche – aber wie viele dieser klugen Gedanken nicht so einfach umzusetzen. Außer für den Mops, der gerade, völlig erschöpft von seinem Glück, tief und fest schläft.

Rezension: „Der Pfau“

Cover_pfauVorab: Normalerweise spielen die Romane, die ich rezensiere, im 19. Jahrhundert und meist in Großbritannien. Dieser Roman spielt in der Gegenwart, aber der Ort und die Stimmung des Buches passen so perfekt in mein Beuteschema, dass auch er unbedingt Eingang in Miss Eyres Bibliothek finden muss.

Autorin: Isabel Bogdan. Erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag (http://www.kiwi-verlag.de/), Hardcover (ISBN 978-3-462-04800-1) oder E-Book (ISBN 978-3-462-31536-3).

Erster Satz: Einer der Pfauen war verrückt geworden.

Auf dem kleinen Anwesen der McIntoshs in den schottischen Highlands leben einige Tiere, unter anderem Pfauen. Diese fühlen sich wie der Lord und die Lady in der Abgeschiedenheit durchaus wohl. Nur einer der Pfauen entwickelt eine Abneigung, und zwar gegen alles, was blau ist. Auch das ist zunächst kein Problem, denn in den schottischen Highlands ist die Farbe Blau nicht allzu verbreitet. Jedoch finanzieren Lord und Lady McIntosh ihr Anwesen dadurch, dass sie Zimmer und Cottages vermieten. Eines Tages haben sie das Glück, der Ort der Wahl für eine Teambuiling-Maßnahme einer Gruppe Londoner Investment-Banker zu werden – lukrative Kundschaft, die das Anwesen auch weiterempfehlen könnte. Die Schwierigkeiten beginnen bereits, als die Gruppe ankommt, allen voran die Chefin der Abteilung in einem blauen Auto.

Was auf diese skurrile Ausgangssituation folgt, bleibt skurril und kann wohl mit dem gleichen Augenzwinkern gelesen werden, wie es geschrieben wurde.

Virtuos springt die Autorin zwischen den unterschiedlichen Perspektiven der Menschen und teilweise auch der Tiere auf dem verschneiten Anwesen hin und her. Wie ein Puzzle fügt sich so nach und nach die Geschichte zusammen. Und was zunächst nach schwierig zu lesen klingt, ist derart flüssig und locker erzählt, dass der Leser sehr gerne mitpuzzelt.

Auch eine Besonderheit des Romans: Er enthält keine Dialoge. Gespräche werden daher nie objektiv wiedergegeben, sondern immer nur subjektiv aus der Perspektive eines der Teilnehmer oder eines Zuhörers. Dieser handwerkliche Kunstgriff macht es möglich, dass bei jedem Gespräch die Meinung zum Thema und den Gesprächspartnern gleich mitgeliefert wird – was der Geschichte einen gekonnten, ironischen Unterton verleiht.

Fazit: Eine Geschichte voll britischer Zurückhaltung und skurrilem Witz. Handwerklich meisterhaft gut erzählt!

Leseprobe unter: http://www.kiwi-verlag.de/buch/der-pfau/978-3-462-04800-1/Cover_pfau

Im Porträt: Autorin Sophia Farago

Foto: Christine Wurnig
Foto: Christine Wurnig

Gerne stelle ich von Zeit zu Zeit auf meinem Blog Menschen vor, die mit Büchern zu tun haben. Dieses Mal die Trainerin und Unternehmensberaterin Dr. Rauchberger, die als solche nichts mit Büchern zu tun hat, die aber wie viele Autoren eine „Zweitexistenz“ führt – unter dem Pseudonym Sophia Farago. Man könnte auch von Dritt-, Viert- und Fünftexistenz sprechen, da sie auch noch unter den Pseudonymen Sophia Scheer, Sophia Rauchberger und Sophie Scheer schreibt.

Aber keine Sorge, sie kann mit den multiplen Persönlichkeiten umgehen. Als Sophia Farago hat sie sich auf das England der Regency-Zeit, also auf das der Jane Austen spezialisiert. Ich freue mich sehr, dass mir die moderne Jane Austen Rede und Antwort gestanden hat:

„Wann ist dein erstes Buch erschienen und war das bereits ein Regency-Roman?“

Die Regency-Zeit hat mich seit meiner Jugend fasziniert und inspiriert und zum Schreiben gebracht. Daher war natürlich mein erster Roman „Die Braut des Herzogs“ ein Regency-Roman. Er erschien 1993 im Fischer Verlag.

„Gibt es eine Figur in deinen Büchern, mit der du dich besonders eng verbunden fühlst?“

Die erste Figur, die in meinem Kopf zu sprechen begann, war der Herzog von Wellbrooks, dessen Geschichte ich in „Der Braut des Herzogs“ aufgeschrieben habe. Natürlich fühle ich mich mit ihm besonders verbunden. Aber ich liebe auch Frederica, Penelope und den Earl of Derryhill aus „Der Heiratsplan“. Und dann noch … ach, eigentlich liebe ich alle meine Figuren. Außer Mr. Pucklechurch.

„Was fasziniert dich am 19. Jahrhundert?“

Ich liebe England, ich liebe die Traditionen. Das frühe 19. Jahrhundert war auch geschichtlich eine sehr spannende Epoche. Die Kriege gegen Napoleon, die Industrielle Revolution, ein König, der, geistig umnachtet, nicht mehr regieren konnte. Ein skandalträchtiger Prinzregent, der Paläste bauen ließ, Kunstschätze ansammelte, in Bigamie lebte und bis zu 120 Gänge beim Dinner servieren ließ – all das schreit doch danach, Geschichten zu erzählen.

„Was ist für dich die größte Herausforderung, wenn du dich an einen neuen Roman setzt?“

Das Ausdenken der Geschichte macht Freude und ist auch für die Autorin spannend. Die größte Herausforderung ist es, all das Bunte, Spannende, Aufregende, das sich im Kopf abspielt, auch zu Papier zu bringen.

„Du reist gerne zu den Originalschauplätzen deiner Bücher: Hast du hier einen Geheimtipp, was man unbedingt besuchen sollte?“

Richtig, ich war schon mehr als fünfzig Mal auf der Insel. Was man sich neben London unbedingt ansehen sollte? Den reizenden Ort Chawton, in dem Jane Austen glückliche Jahre verlebte. Allein die reetgedeckten Häuschen sind eine Reise wert. Und dann natürlich Bath, das mondäne Kurbad. Im Jane-Austen-Center gibt es viel Spannendes aus der Regency-Zeit zu erfahren. Und am Royal Pavillon in Brighton, dem exotischen Palast des Prinzregenten, kann kein wahrer Regency-Fan vorbeigehen.

Vielen Dank an Sophia Farago für die das Interview!

72dpi_Farago_Digmore_ParkVon der Autorin sind im Dryas Verlag die Bücher „Das Geheimnis von Digmore Park“ und „Der Heiratsplan“ erschienen, beides genau das Richtige für Regency-Fans. Und für November 2016 ist bereits der nächste Roman geplant mit dem Titel „Verlobung wider Willen“, so viel sei schon verraten.

Rezension: „Der Tod kommt nach Pemberley“

PemberleyAutor: P.D. James. Erschienen im Droemer Verlag (http://www.droemer-knaur.de/), Hardcover (ISBN 978-3-426-19962-6), Taschenbuch (ISBN 978-3-426-30413-6) oder E-Book (ISBN 978-3-426-41906-9). Übersetzt von Michaela Grabinger.

Erster Satz: Unter der weiblichen Bewohnerschaft von Meryton herrschte Einvernehmen darüber, dass Mr. und Mrs. Bennet von Longbourn bei der Verheiratung von vieren ihrer fünf Töchter Glück gehabt hatten.

Schon der erste Satz zeigt es deutlich: In diesem Buch weht durch jede Seite der Geist von Jane Austen. Die Autorin hat hier kein leichtes Erbe angetreten – aber Hut ab, es ist ihr gelungen.

Elizabeth Bennet und Fitzwilliam Darcy heiraten und ziehen in Darcys Landsitz Pemberley. So endet „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen. Und wie bei vielen Liebesgeschichten ist auch diese damit erzählt. Dachte Jane Austen. Aber eine nicht unbekannte Krimi-Autorin, Phyllis Dorothy James, Baroness James of Holland Park und Schöpferin von Commander Adam Dalgliesh („Ein Spiel zuviel“), wollte den beiden die Ruhe nicht gönnen. Und so geraten Mr. und Mrs. Darcy in die Ermittlungen eines Mordfalls. Im Park von Pemberley geschieht ein Mord. Der Hauptverdächtige ist Wickham. Genau, ebendieser Wickham, der sich bereits in „Stolz und Vorurteil“ nicht gerade positiv hervortut, als er erst die Schwester von Darcy entführen will und es ihm dann mit der Schwester von Elizabeth auch gelingt.

P.D. James ist es großartig gelungen, den Faden wieder aufzunehmen. Auch wenn es sich bei ihrem Roman um einen Krimi und nicht um eine Liebesgeschichte handelt, so nehmen doch auch hier die gesellschaftlichen Gepflogenheiten und deren Befolgung oder Missachtung den wichtigsten Platz ein. Wie geht man gesellschaftlich damit um, dass auf dem eigenen Grundstück ein Mord passiert ist? Was bedeutet das für die Freunde und Angehörigen? Was für die Dienerschaft? Im Buch wird im Detail eine Gesellschaft beschrieben, in der jeder seinen Platz hat und man sich nie allein definiert, sondern immer nur anhand der Rolle, die man im Gesamtgefüge spielt.

Der Roman der im Jahre 2014 verstorbenen Autorin entstand 2011. Und ohne irgendwelche Einschränkungen kann man sagen, dass sie Ton und Stimmung perfekt getroffen hat. Ob es vielleicht interessant gewesen wäre, dem Ganzen einen moderneren Ansatz zu geben, ist fraglich. Denn offensichtlich war dies nicht die Absicht der Autorin, und daher liest sich das Buch genauso klassisch wie ein Werk von Jane Austen.

Fazit: Ein absolutes Muss für Jane-Austen-Fans! Wer deren Stil nicht mag oder „Stolz und Vorteil“ nicht kennt, wird weniger Freude damit haben.

Leseprobe unter: http://www.droemer-knaur.de/buch/7985714/der-tod-kommt-nach-pemberley

Das schönste E-Book Deutschlands

Dr. Marlies Michaelis
Dr. Marlies Michaelis

Auf der Buchmesse 2015 wurden wieder die ästhetisch und kreativ beeindruckendsten E-Books aus dem deutschsprachigen Raum prämiert (mehr zum eBook Award). Gewonnen hat der Krimi „Nichts ist, wie es ist“ aus dem Cividale Verlag Berlin. Die Verlegerin Dr. Marlies Michaelis hat mir freundlicherweise ein paar Fragen zum Buch und dessen Produktion beantwortet, und auf einmal wird klar, wie viel Arbeit in einem richtig schönen E-Book steckt:

Miss Eyre: Worum geht es in dem Siegertitel „Nichts ist, wie es ist“?
Dr. Marlies Michaelis:
Bei „Nichts ist, wie es ist. Kriminalrondo“ von Elke Heinemann geht es um einzelne Kriminal-Motive, die sprachlich-künstlerisch umkreist werden. Schon die Formulierung, dass es um etwas geht, führt in die Irre. Themen werden nur angedeutet, Tatorte und Motive umkreist, ohne dass es eine nachvollziehbare Handlung gibt. Die Fließtexte werden immer wieder von Gedichten – den Sirenengedichten – unterbrochen, welche die Lesenden irritieren und entzücken. Der Text ist ein literarisches Kunstwerk, dem etwas Mysteriöses anhaftet. Dieses Rätselhafte wird durch die Fotogramme der Fotografin Manuela Höfer noch verstärkt.

Miss Eyre: Wie kam es zu der Idee des enhanced E-Books?
Dr. Marlies Michaelis:
Im letzten Jahr wollte ich von Verlagsseite aus neben den „normalen“ E-Books und gedruckten Büchern auch ein multimediales, ein enhanced E-Book publizieren. Ich wollte wissen, was in dieser Buchform möglich ist. Während diese Idee in mir herumwaberte, lernte ich die Autorin Elke Heinemann kennen, die mir verschiedene Krimistücke zu lesen gab. Von „Nichts ist, wie es ist. Kriminalrondo“ war ich sofort begeistert. Die Texte sind recht kurz und können in beliebiger Reihenfolge gelesen werden. Dazu haben sie ganz eigene Klang- und Bildebenen. Aus meiner Sicht war es daher geradezu zwingend, die Texte in einem multimedialen Buch umzusetzen. Hinzu kam, dass die Autorin mir erzählte, sie wünsche sich für eine Umsetzung, dass die lineare Abfolge, die in einem gedruckten Buch ja unvermeidlich gegeben ist, aufgebrochen werden könne. Das konnte ich mir bei einer multimedialen Umsetzung gut vorstellen. Dann haben wir die Künstlerin Manuela Höfer hinzugezogen, die sofort damit einverstanden war, ihre Fotogramme dem Text als Begleitung beizugeben. Die klanghaften Ebenen des Textes konnten in den Tonstudio-Aufnahmen, die Elke Heinemann begleitet hat, ausgearbeitet werden.

Miss Eyre: Wer war für die technische Umsetzung des E-Books zuständig?
Dr. Marlies Michaelis: Basis für die technische Umsetzung war das Feinkonzept des Producers Matthias Liesendahl. Er hat die Bearbeitung der Materialien sowie das Layout der einzelnen Abschnitte vorgenommen. Die technische Umsetzung hat dann Guido Stemme von bureau23 vorgenommen – er hat aber nicht nur programmiert, sondern auch beraten. Und ganz häufig haben wir darüber diskutiert, wo die Grenzen des Buches liegen, ob das multimediale Projekt noch ein Buch ist oder (schon) etwas anderes. Und natürlich haben wir über die verschiedenen Möglichkeiten diskutiert, einzelne Passagen umzusetzen.

Miss Eyre: Wie lange hat die Umsetzung gedauert und welche besonderen Hürden gab es dabei?
Dr. Marlies Michaelis: Die Umsetzung hat insgesamt ein halbes Jahr gedauert. Anfangs dachte ich noch, dass das Ganze als App umgesetzt werden müsste. Das war mir aber nicht so ganz recht, weil der Vertrieb dann auf die beiden großen Shops – den von iTunes und Google Play – beschränkt gewesen wäre. Im Rahmen der Umsetzung habe ich dann die verschiedenen technischen Umsetzungsmöglichkeiten geprüft und erfahren, dass auch das übliche ePub-Format in der neuesten Version ePub 3 multimediale Inhalte umfassend darstellen kann und über das fixed Layout auch eine Kontrolle über die Seitengestaltung ermöglicht. Dieser Entscheidungsschritt – weg von der App-Idee hin zum offeneren Format ePub 3 – war eine von zwei Hürden. Die zweite Hürde bestand in der Auflösung des Linearen. Das war technisch mit ePub 3 kein Problem. Statt eines linearen Inhaltsverzeichnisses gibt es nun einen sich drehenden Kreis aus Abbildungen. Schwierig war, die Gewohnheit zu überwinden, dass ein Text komplett linear aufgebaut sein muss. Ein klein wenig Linearität ist auch geblieben – man kann immer noch per Wischen auf dem Tablet vor- und zurückblättern oder wahlweise den drehenden Kreis zur Navigation nutzen. Richtig mutig wäre es gewesen, auch diesen Halt an das Gewohnte – das Wischen als Ersatz für das Blättern – zu kappen. Aber das erschien mir dann doch zu experimentell.

Vielen Dank für das Gespräch an Dr. Marlies Michaelis vom Cividale Verlag!

Rezension: „Wiedersehen mit Brideshead“

bridesheadAutor: Evelyn Waugh. Erschienen im Diogenes Verlag (http://www.diogenes.ch/), Hardcover (ISBN 978-3-257-06876-4) oder E-Book (978-3-257-60343-9)

Erster Satz: Als ich die Quartiere der dritten Kompanie oben auf der Anhöhe erreichte, hielt ich inne und wandte mich zu dem Lager um, das im grauen Dunst des frühen Morgens unter mir soeben in seiner ganzen Größe sichtbar wurde.

Evelyn Waughs Buch ist ein Klassiker und daher kann ich mich vielen Vor-Rezensenten anschließen, die empfehlen, mit dem Lesen auf Seite 39 zu beginnen. Bei „Wiedersehen mit Brideshead“ handelt es sich um den Rückblick eines Soldaten im Zweiten Weltkrieg auf ein Leben und eine Gesellschaft, die es so nicht mehr gibt. Folgerichtig beginnt das Buch auch mit einer Schilderung des Kriegsalltags, die leider etwas langatmig und eher mühsam zu lesen ist. Doch ab Seite 39 taucht der Protagonist Charles Ryder in die Welt seiner Erinnerungen ab – Erinnerungen an seinen Freund Sebastian im England der 20er und 30er Jahre, an ihr Leben als Studenten in Oxford und an Sebastians Familie. Er schildert das Kennenlernen mit Sebastian in einer Form, die auch Oscar Wilde alle Ehre gemacht hätte. Charles wohnt in einem Studentenzimmer im Erdgeschoss. Eines Abends kommen andere Studenten nach einer Feier vorbei:
„… und dann erschien an meinem Fenster das Gesicht, von dem ich wusste, dass es Sebastian gehörte … Er sah mich einen Augenblick an, ohne mich wirklich zu sehen, beugte sich dann weit in mein Zimmer hinein und übergab sich.
Es war nicht ungewöhnlich, dass Dinnerpartys auf diese Weise endeten; es gab für solche Gelegenheiten sogar einen offiziellen Tarif für den Aufwärter, der hinterher saubermachen musste. Wir lernten durch praktisches Ausprobieren den Umgang mit Alkohol …“
Zwischen Charles und Sebastian entwickelt sich mehr als nur eine Freundschaft. Doch während Charles nach und nach seinen Weg findet und schließlich nach Paris geht, um Malerei zu studieren, kann sich Sebastian mit seinen eigenen und den Ansprüchen seiner Familie nicht arrangieren. Bald trinkt er mehr, als für ihn gut ist, und so wie er bricht auch seine Welt um ihn herum am Vorabend des Krieges nach und nach zusammen.

Fazit: Das Buch liest sich wie ein großes Gemälde. Es beinhaltet alles, was dazugehört: ein prunkvolles Herrenhaus, mehrere exzentrische Lords und Ladys, treue Dienstboten, ehrgeizige Emporkömmlinge und Erben, die mit ihrem Vermächtnis überfordert sind. Oft wird es mit „The Great Gatsby“ verglichen, denn auch hier wird der Leser in eine in sich geschlossene Gesellschaft geführt, die Außenstehende nie völlig akzeptiert, die es aber ihren Mitgliedern auch unmöglich macht, aus ihr zu entkommen, egal was sie tun. Ein aktuellerer Vergleich wäre der mit der Fernsehserie „Downton Abbey“.

Die Neuübersetzung durch Pociao ist übrigens genauso trocken formuliert wie das Original, der englische Charme des Buches bleibt durch und durch erhalten. Außerdem hat der Diogenes Verlag der Neuübersetzung eine wunderbare Hardcover-Ausgabe spendiert, mit Schutzhülle, silbernem Leineneinband und Lesebändchen. Was will man mehr.

Bunt statt Braun – Autorin Kathrin Lange bezieht Stellung

Buttons_HoheneggelsenGerne stelle ich ja auch immer wieder neue Projekte aus der Buchbranche und ihre Macher vor, in der Regel neue Ideen rund um das Thema Lesen, Buch und Technik. So auch dieses Mal, wobei das Thema aber abweicht, da ich hiermit den Hut von der Autorin und Initiatorin von „Hoheneggelsen ist bunt, nicht brau“ ziehen will.

Kathrin Lange (http://www.kathrin-lange.de) lebt in dem Ort Hoheneggelsen in der Nähe von Hildesheim. Sie schreibt Thriller und Jugendbücher. Ein zentrales Thema ihrer Thriller sind religiös motivierte Verbrechen, ihr Kommissar Faris Iskander ist Muslim und ermittelt in Berlin. In Hoheneggelsen gibt es ein Flüchtlingsheim. Wodurch der Ort es im August diesen Jahres mit leider bedauerlichen Neuigkeiten in die Fernsehnachrichten geschafft hat. Die Partei „Die Rechte“ hatte angekündigt, regelmäßig in Hoheneggelsen zu „patrouillieren“, um „für Ordnung und Sicherheit zu sorgen“.

Kathrin Lange reagierte umgehend, als Erstes mit der Facebook-Seite „Hoheneggelsen ist bunt, nicht braun“ (https://www.facebook.com/hoheneggelsenistbuntnichtbraun1), die innerhalb der ersten sieben Tage 500 Fans erreichen konnte. „Ich habe die Seite ins Leben gerufen, weil ich es einfach nicht fassen konnte, was in den Tagen zuvor vor dem Flüchtlingsheim in unserem Dorf passiert ist“, sagt Initiatorin Kathrin Lange, die die Aktion zusammen mit ihrem Sohn Tim durchführt. „Überall im Land formieren sich Mahnwachen und Lichterketten, sobald wieder einmal ein Flüchtlingsheim in Flammen aufgegangen ist. Ich hoffe, dass ich in einem Dorf lebe, in dem die Bürger sich klar gegen Rassismus und Gewalt stellen, bevor etwas passiert.“

Mittlerweile hat Lange weitere Unterstützer für sich gewinnen können: „Hoheneggelser Geschäftsleute haben uns sofort ihre Hilfe angeboten, wir bekommen Hilfestellung und Aufmunterung von der evangelischen Kirche und aus Richtungen, mit denen wir ehrlicherweise zunächst überhaupt nicht gerechnet haben.“

Überraschungen gab es allerdings auch mit umgekehrtem Vorzeichen, und genau das ist es, was Lange umtreibt: „In Gesprächen der letzten Tage habe ich mehrfach diesen einen, unsäglichen Satz zu hören bekommen: ,Ich bin ja kein Rassist, aber …‘“, sagte Lange. Und sie fährt fort: „Ich glaube, dass viele Ängste und die meisten Vorurteile der Menschen gegen die Flüchtlinge einfach daraus resultieren, dass sie keinen Kontakt mit ihnen haben. Sie wissen nicht, was diesen Menschen Schlimmes geschehen ist, sehen nur die Bilder in den Medien, und die können einem ja auch Angst machen.“ Um dieser diffusen Angst etwas entgegenzusetzen, führt Lange gerade Gespräche in viele Richtungen. Außerdem unterrichtet sie Flüchtlinge in deutscher Sprache und Kultur.
Mittlerweile hat sich übrigens auch der Schulleiter der Oberschule aus dem benachbarten Söhlde zu Wort gemeldet und sich ebenfalls klar gegen Rechts positioniert. Zusammen mit ihm und dem Kollegium plant Lange weitere Aktionen und möchte dafür auch Autorenkolleginnen und -Kollegen zu Lesungen oder Podiumsdiskussionen einladen.

Dieses Engagement verdient Respekt. Und es ist eine von vielen Aktionen aus der Buchbranche heraus zur Unterstützung der ankommenden Flüchtlinge. Ich freue mich über jede Einzelne. Deutschland ist eines der reichsten und politisch stabilsten Länder der Welt, wer, wenn nicht wir kann, helfen?