Rezension: „Wiedersehen mit Brideshead“

bridesheadAutor: Evelyn Waugh. Erschienen im Diogenes Verlag (http://www.diogenes.ch/), Hardcover (ISBN 978-3-257-06876-4) oder E-Book (978-3-257-60343-9)

Erster Satz: Als ich die Quartiere der dritten Kompanie oben auf der Anhöhe erreichte, hielt ich inne und wandte mich zu dem Lager um, das im grauen Dunst des frühen Morgens unter mir soeben in seiner ganzen Größe sichtbar wurde.

Evelyn Waughs Buch ist ein Klassiker und daher kann ich mich vielen Vor-Rezensenten anschließen, die empfehlen, mit dem Lesen auf Seite 39 zu beginnen. Bei „Wiedersehen mit Brideshead“ handelt es sich um den Rückblick eines Soldaten im Zweiten Weltkrieg auf ein Leben und eine Gesellschaft, die es so nicht mehr gibt. Folgerichtig beginnt das Buch auch mit einer Schilderung des Kriegsalltags, die leider etwas langatmig und eher mühsam zu lesen ist. Doch ab Seite 39 taucht der Protagonist Charles Ryder in die Welt seiner Erinnerungen ab – Erinnerungen an seinen Freund Sebastian im England der 20er und 30er Jahre, an ihr Leben als Studenten in Oxford und an Sebastians Familie. Er schildert das Kennenlernen mit Sebastian in einer Form, die auch Oscar Wilde alle Ehre gemacht hätte. Charles wohnt in einem Studentenzimmer im Erdgeschoss. Eines Abends kommen andere Studenten nach einer Feier vorbei:
„… und dann erschien an meinem Fenster das Gesicht, von dem ich wusste, dass es Sebastian gehörte … Er sah mich einen Augenblick an, ohne mich wirklich zu sehen, beugte sich dann weit in mein Zimmer hinein und übergab sich.
Es war nicht ungewöhnlich, dass Dinnerpartys auf diese Weise endeten; es gab für solche Gelegenheiten sogar einen offiziellen Tarif für den Aufwärter, der hinterher saubermachen musste. Wir lernten durch praktisches Ausprobieren den Umgang mit Alkohol …“
Zwischen Charles und Sebastian entwickelt sich mehr als nur eine Freundschaft. Doch während Charles nach und nach seinen Weg findet und schließlich nach Paris geht, um Malerei zu studieren, kann sich Sebastian mit seinen eigenen und den Ansprüchen seiner Familie nicht arrangieren. Bald trinkt er mehr, als für ihn gut ist, und so wie er bricht auch seine Welt um ihn herum am Vorabend des Krieges nach und nach zusammen.

Fazit: Das Buch liest sich wie ein großes Gemälde. Es beinhaltet alles, was dazugehört: ein prunkvolles Herrenhaus, mehrere exzentrische Lords und Ladys, treue Dienstboten, ehrgeizige Emporkömmlinge und Erben, die mit ihrem Vermächtnis überfordert sind. Oft wird es mit „The Great Gatsby“ verglichen, denn auch hier wird der Leser in eine in sich geschlossene Gesellschaft geführt, die Außenstehende nie völlig akzeptiert, die es aber ihren Mitgliedern auch unmöglich macht, aus ihr zu entkommen, egal was sie tun. Ein aktuellerer Vergleich wäre der mit der Fernsehserie „Downton Abbey“.

Die Neuübersetzung durch Pociao ist übrigens genauso trocken formuliert wie das Original, der englische Charme des Buches bleibt durch und durch erhalten. Außerdem hat der Diogenes Verlag der Neuübersetzung eine wunderbare Hardcover-Ausgabe spendiert, mit Schutzhülle, silbernem Leineneinband und Lesebändchen. Was will man mehr.

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