Rasputin und der Haftungswiderspruch

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Rasputin (Quelle: Wiki Commons)

Er taucht in jedem Blockbuster auf und auch auf zahlreichen Webseiten: der Disclaimer. Dieser kleine Hinweis, dass man für die Inhalte weiterleitender Links nicht haftet oder die Darstellung von Personen komplett fiktiv ist – ein Hinweis, der übrigens auch in Büchern immer öfter auftaucht.

Die Schuld, weshalb es Disclaimer gibt, trägt, wie an vielem anderen auch, der russische Mystiker Rasputin – oder eigentlich einer seiner Mörder, Felix Felixowitsch Fürst Jussupow. Der Fürst gehörte zu dem Kreis russischer Aristokraten, die 1916 beschlossen, Rasputin umzubringen, um so seinem schädlichen Einfluss auf die Zarenfamilie ein Ende zu setzen. Jussopow lud Rasputin in seinen Palast ein und servierte ihm vergifteten Kuchen und Wein. Doch das animierte den Mystiker nur zum Singen. Danach schoss Jussupow Rasputin in den Rücken, doch statt tot umzufallen, wankte dieser in den Hof des Palastes. Ein weitere Adeliger schoss noch vier Mal auf Rasputin, aber als auch das nichts half, wurde Rasputin gefesselt und im Fluss versenkt, so die Legende.

Fürst Felix Jussupow und seine Frau Irina (Copyright: Boasson and Eggler St. Petersburg Nevsky 24)
Fürst Felix Jussupow und seine Frau Irina (Copyright: Boasson and Eggler St. Petersburg Nevsky 24)

Und eine Geschichte, die sich großartig für Romane und Filme eignet, weswegen bereits 1932 MGM den Film „Rasputin: Der Dämon Rußlands“ produzierte. Dort taucht Jussupow leicht erkennbar unter dem Namen „Prince Paul Chegodieff“ und seine Frau Irina als Natascha auf. Natascha wird in dem Film von Rasputin vergewaltigt. Fürst Jussupow und seine Frau schaffen es, die Revolution zu überleben und ins Exil nach Paris zu flüchten. Irina erklärt, nie von Rasputin vergewaltigt worden zu sein, klagt und gewinnt. Seither ist der Disclaimer am Filmende Standard: „This is a work of fiction. Any similarity to actual persons, living or dead, or actual events, is purely coincidental.“

Auch deutsche Produktionen setzen ihn inzwischen ein, und ebenso sind Webseitenbetreiber dazu übergegangen, Disclaimer im Impressum zu nutzen. Einige dieser Disclaimer stammen sogar von Anwälten.

Nur: Rechtlich sind diese Disclaimer wirkungslos, da bei uns deutsches Recht gilt!

Nach US-amerikanischem Recht ist es möglich, die Haftung mit dieser Erklärung außer Kraft zu setzen, nach deutschem Recht nicht. Nach deutschem Recht geht man davon aus, dass ein Webseitenbetreiber einen Link als ausdrückliche Ergänzung zu seiner Seite angibt, also folgerichtig auch für die Inhalte haften muss. Natürlich gibt es Ausnahmen, die vor Gericht sicher anerkannt würden, wie zum Beispiel wissenschaftliche Webseiten, die beispielsweise über radikale Strömungen berichten und dies per Verlinkung belegen. Aber prinzipiell kann man nach deutschem Recht der Haftung so nicht entgehen.

Wenn die Künstliche Intelligenz Serienenden errät

KI antizipiert nächste Handlung. (Screenshot: Youtube/MIT)
KI antizipiert nächste Handlung. (Screenshot: Youtube/MIT)

Intelligenz bedeutet, auf Muster zurückgreifen zu können und anhand dieses Erfahrungsschatzes mögliche Ereignisse zu erahnen. So weiß man beispielsweise als Fußgänger, wenn man hört, wie ein Autofahrer vor dem Zebrastreifen noch mal Gas gibt, dass der A… vermutlich nicht halten wird, und man bleibt lieber stehen. Roboter wissen das in der Regel noch nicht, daher würde so eine Begegnung für sie nicht positiv enden. Das nennt man dann Darwinismus.

Was das mit meinem Thema „Technik und Medien“ zu tun hat, erkläre ich gleich: Forscher am MIT für Computerwissenschaften haben einen Weg gefunden, KIs solche Muster beizubringen, indem sie ihnen einen Serienmarathon verordnet haben.

Serienmarathon verordnet

Der KI wurde 600 Stunden Filmmaterial aus „Big Bang Theorie“, „The Office“ und anderen aktuellen Serien vorgespielt. Anhand dieses „Erfahrungsschatzes“ sollte sie verstehen, in welchen Situationen Aktionen wie Küssen, Umarmungen oder ein Handschlag erfolgen. Um zu überprüfen, ob es funktioniert, wurden der KI im Anschluss daran Szenen gezeigt, die sie noch nicht kannte, und in 43 % der Fälle konnten sie vorhersagen, was als Nächstes geschehen würde. Bei Menschen liegt die Treffsicherheit in der Regel bei 71 %. Allerdings lief die Studie über 2 Jahre, während auf Menschenseite in der Regel 30 bis 40 Jahre Lebenserfahrung vorlagen. Der Autor der Studie, Carl Vondrick, meinte daher auch, dass es interessant sei zu erfahren, wie hoch die Trefferquote liege, wenn die KI ebenfalls 30 Jahre Erfahrung hinter sich habe.

Erfahrung und Intelligenz

Die Studie hat einen interessanten Ansatz, nur wirft sie eine Frage auf: Ist nicht die Tatsache, dass eben nicht alles so läuft wie erwartet, das, was uns an den Serien fasziniert? Bekanntestes Beispiel, das hoffentlich inzwischen kein Spoiler mehr ist: In „Game of Thrones“ erwartet jeder, dass Eddard Stark überlebt, doch genau das geschieht nicht. Von der Situation in der Serie ausgehend, ist es sogar realistisch, dass er nicht überlebt. Aber unsere Erfahrung mit fiktiven Geschichten lässt uns annehmen, dass auch hier der Held überlebt, weswegen wir über diese Wendung überrascht sind. Wer blickt denn dann „intelligenter“ auf die Welt – die KI, die das Muster fiktiver Erzählungen nicht berücksichtigt, oder der Mensch, der hier eine weitere Erfahrung einbringen kann?

Der Zweck der Übung ist im Übrigen nicht das Spoilern von Ereignissen in Serien, sondern das Verhindern von Unfällen. Womit wir wieder beim anfänglichen Beispiel wären: Wenn der Roboter vorhersehen kann, dass der Autofahrer nicht abbremsen wird, kann er beispielsweise Kinder daran hindern, auf die Straße zu laufen.

Wer mehr über diesen Forschungsansatz erfahren möchte, findet die Studie unter: http://web.mit.edu/vondrick/prediction.pdf

Perspektivlos glücklich

mops_gluecklichDer Mops hat, wie alle Hunde, kein Zeitempfinden und schon gar keinen Sinn für Perspektive. Ihm zu sagen, dass er, wenn er jetzt fünf Minuten in der Warteschlange bei der Post in keiner fremden Einkaufstasche schnüffelt, nachher ein Steak bekommt, ist sinnlos. So weit im Voraus denkt er nicht. Zwar versteht er sehr wohl, dass es für bestimmte Handlungen eine Belohnung gibt, die muss aber innerhalb der nächsten drei Sekunden nach der Tat erfolgen, sonst weiß er nicht mehr, warum er sie bekommt. Erfolgt die Belohnung zu spät, denkt der Mops, er wird fürs pure Dasein belobigt – was für ihn auch akzeptabel ist und zu einem nicht unbeträchtlichen Selbstbewusstsein führt.

Der Nachteil dieser Perspektivlosigkeit liegt auf der Hand – geplant und vorgesorgt wird nicht. Würde man den Mops mit einem Eimer Fressen drei Monate alleine lassen, wäre er am Ende verhungert, da er am ersten Tag alles gefressen hätte. Es soll Hunde geben, die sich das besser einteilen können – der Mops kann es nicht. Fressen muss sofort vernichtet werden, selbst wenn es noch in Plastikfolie eingeschweißt ist, das stört ihn herzlich wenig.

Aber auch der Vorteil dieser Einstellung liegt auf der Hand. Was jetzt passiert, ist einfach nur toll. Fressen zu bekommen ist großartig. Egal, ob es in ein paar Stunden wieder etwas geben wird, was ihm vielleicht noch viel besser schmeckt, das, was jetzt in seinem Napf liegt, ist jetzt sensationell. Gekrault zu werden ist klasse. Und zwar jetzt sofort. Ebenso mit anderen Hunden zu spielen. Sofort, und nicht erst, wenn wir auf der Wiese sind. Warten ist eine völlig unnütze Tätigkeit.

Ein bisschen neidisch kann einen dieses perspektivlose Glück schon machen. Gerade genießt man noch den Abend mit Freunden und sorgt sich schon wieder darum, am nächsten Tag nicht rechtzeitig aus dem Bett zu kommen. Einfach mal das Präsens genießen und nicht ans Futur denken, ist sicher einer der häufigsten Ratgebersprüche – aber wie viele dieser klugen Gedanken nicht so einfach umzusetzen. Außer für den Mops, der gerade, völlig erschöpft von seinem Glück, tief und fest schläft.

Das schönste E-Book Deutschlands

Dr. Marlies Michaelis
Dr. Marlies Michaelis

Auf der Buchmesse 2015 wurden wieder die ästhetisch und kreativ beeindruckendsten E-Books aus dem deutschsprachigen Raum prämiert (mehr zum eBook Award). Gewonnen hat der Krimi „Nichts ist, wie es ist“ aus dem Cividale Verlag Berlin. Die Verlegerin Dr. Marlies Michaelis hat mir freundlicherweise ein paar Fragen zum Buch und dessen Produktion beantwortet, und auf einmal wird klar, wie viel Arbeit in einem richtig schönen E-Book steckt:

Miss Eyre: Worum geht es in dem Siegertitel „Nichts ist, wie es ist“?
Dr. Marlies Michaelis:
Bei „Nichts ist, wie es ist. Kriminalrondo“ von Elke Heinemann geht es um einzelne Kriminal-Motive, die sprachlich-künstlerisch umkreist werden. Schon die Formulierung, dass es um etwas geht, führt in die Irre. Themen werden nur angedeutet, Tatorte und Motive umkreist, ohne dass es eine nachvollziehbare Handlung gibt. Die Fließtexte werden immer wieder von Gedichten – den Sirenengedichten – unterbrochen, welche die Lesenden irritieren und entzücken. Der Text ist ein literarisches Kunstwerk, dem etwas Mysteriöses anhaftet. Dieses Rätselhafte wird durch die Fotogramme der Fotografin Manuela Höfer noch verstärkt.

Miss Eyre: Wie kam es zu der Idee des enhanced E-Books?
Dr. Marlies Michaelis:
Im letzten Jahr wollte ich von Verlagsseite aus neben den „normalen“ E-Books und gedruckten Büchern auch ein multimediales, ein enhanced E-Book publizieren. Ich wollte wissen, was in dieser Buchform möglich ist. Während diese Idee in mir herumwaberte, lernte ich die Autorin Elke Heinemann kennen, die mir verschiedene Krimistücke zu lesen gab. Von „Nichts ist, wie es ist. Kriminalrondo“ war ich sofort begeistert. Die Texte sind recht kurz und können in beliebiger Reihenfolge gelesen werden. Dazu haben sie ganz eigene Klang- und Bildebenen. Aus meiner Sicht war es daher geradezu zwingend, die Texte in einem multimedialen Buch umzusetzen. Hinzu kam, dass die Autorin mir erzählte, sie wünsche sich für eine Umsetzung, dass die lineare Abfolge, die in einem gedruckten Buch ja unvermeidlich gegeben ist, aufgebrochen werden könne. Das konnte ich mir bei einer multimedialen Umsetzung gut vorstellen. Dann haben wir die Künstlerin Manuela Höfer hinzugezogen, die sofort damit einverstanden war, ihre Fotogramme dem Text als Begleitung beizugeben. Die klanghaften Ebenen des Textes konnten in den Tonstudio-Aufnahmen, die Elke Heinemann begleitet hat, ausgearbeitet werden.

Miss Eyre: Wer war für die technische Umsetzung des E-Books zuständig?
Dr. Marlies Michaelis: Basis für die technische Umsetzung war das Feinkonzept des Producers Matthias Liesendahl. Er hat die Bearbeitung der Materialien sowie das Layout der einzelnen Abschnitte vorgenommen. Die technische Umsetzung hat dann Guido Stemme von bureau23 vorgenommen – er hat aber nicht nur programmiert, sondern auch beraten. Und ganz häufig haben wir darüber diskutiert, wo die Grenzen des Buches liegen, ob das multimediale Projekt noch ein Buch ist oder (schon) etwas anderes. Und natürlich haben wir über die verschiedenen Möglichkeiten diskutiert, einzelne Passagen umzusetzen.

Miss Eyre: Wie lange hat die Umsetzung gedauert und welche besonderen Hürden gab es dabei?
Dr. Marlies Michaelis: Die Umsetzung hat insgesamt ein halbes Jahr gedauert. Anfangs dachte ich noch, dass das Ganze als App umgesetzt werden müsste. Das war mir aber nicht so ganz recht, weil der Vertrieb dann auf die beiden großen Shops – den von iTunes und Google Play – beschränkt gewesen wäre. Im Rahmen der Umsetzung habe ich dann die verschiedenen technischen Umsetzungsmöglichkeiten geprüft und erfahren, dass auch das übliche ePub-Format in der neuesten Version ePub 3 multimediale Inhalte umfassend darstellen kann und über das fixed Layout auch eine Kontrolle über die Seitengestaltung ermöglicht. Dieser Entscheidungsschritt – weg von der App-Idee hin zum offeneren Format ePub 3 – war eine von zwei Hürden. Die zweite Hürde bestand in der Auflösung des Linearen. Das war technisch mit ePub 3 kein Problem. Statt eines linearen Inhaltsverzeichnisses gibt es nun einen sich drehenden Kreis aus Abbildungen. Schwierig war, die Gewohnheit zu überwinden, dass ein Text komplett linear aufgebaut sein muss. Ein klein wenig Linearität ist auch geblieben – man kann immer noch per Wischen auf dem Tablet vor- und zurückblättern oder wahlweise den drehenden Kreis zur Navigation nutzen. Richtig mutig wäre es gewesen, auch diesen Halt an das Gewohnte – das Wischen als Ersatz für das Blättern – zu kappen. Aber das erschien mir dann doch zu experimentell.

Vielen Dank für das Gespräch an Dr. Marlies Michaelis vom Cividale Verlag!

Bunt statt Braun – Autorin Kathrin Lange bezieht Stellung

Buttons_HoheneggelsenGerne stelle ich ja auch immer wieder neue Projekte aus der Buchbranche und ihre Macher vor, in der Regel neue Ideen rund um das Thema Lesen, Buch und Technik. So auch dieses Mal, wobei das Thema aber abweicht, da ich hiermit den Hut von der Autorin und Initiatorin von „Hoheneggelsen ist bunt, nicht brau“ ziehen will.

Kathrin Lange (http://www.kathrin-lange.de) lebt in dem Ort Hoheneggelsen in der Nähe von Hildesheim. Sie schreibt Thriller und Jugendbücher. Ein zentrales Thema ihrer Thriller sind religiös motivierte Verbrechen, ihr Kommissar Faris Iskander ist Muslim und ermittelt in Berlin. In Hoheneggelsen gibt es ein Flüchtlingsheim. Wodurch der Ort es im August diesen Jahres mit leider bedauerlichen Neuigkeiten in die Fernsehnachrichten geschafft hat. Die Partei „Die Rechte“ hatte angekündigt, regelmäßig in Hoheneggelsen zu „patrouillieren“, um „für Ordnung und Sicherheit zu sorgen“.

Kathrin Lange reagierte umgehend, als Erstes mit der Facebook-Seite „Hoheneggelsen ist bunt, nicht braun“ (https://www.facebook.com/hoheneggelsenistbuntnichtbraun1), die innerhalb der ersten sieben Tage 500 Fans erreichen konnte. „Ich habe die Seite ins Leben gerufen, weil ich es einfach nicht fassen konnte, was in den Tagen zuvor vor dem Flüchtlingsheim in unserem Dorf passiert ist“, sagt Initiatorin Kathrin Lange, die die Aktion zusammen mit ihrem Sohn Tim durchführt. „Überall im Land formieren sich Mahnwachen und Lichterketten, sobald wieder einmal ein Flüchtlingsheim in Flammen aufgegangen ist. Ich hoffe, dass ich in einem Dorf lebe, in dem die Bürger sich klar gegen Rassismus und Gewalt stellen, bevor etwas passiert.“

Mittlerweile hat Lange weitere Unterstützer für sich gewinnen können: „Hoheneggelser Geschäftsleute haben uns sofort ihre Hilfe angeboten, wir bekommen Hilfestellung und Aufmunterung von der evangelischen Kirche und aus Richtungen, mit denen wir ehrlicherweise zunächst überhaupt nicht gerechnet haben.“

Überraschungen gab es allerdings auch mit umgekehrtem Vorzeichen, und genau das ist es, was Lange umtreibt: „In Gesprächen der letzten Tage habe ich mehrfach diesen einen, unsäglichen Satz zu hören bekommen: ,Ich bin ja kein Rassist, aber …‘“, sagte Lange. Und sie fährt fort: „Ich glaube, dass viele Ängste und die meisten Vorurteile der Menschen gegen die Flüchtlinge einfach daraus resultieren, dass sie keinen Kontakt mit ihnen haben. Sie wissen nicht, was diesen Menschen Schlimmes geschehen ist, sehen nur die Bilder in den Medien, und die können einem ja auch Angst machen.“ Um dieser diffusen Angst etwas entgegenzusetzen, führt Lange gerade Gespräche in viele Richtungen. Außerdem unterrichtet sie Flüchtlinge in deutscher Sprache und Kultur.
Mittlerweile hat sich übrigens auch der Schulleiter der Oberschule aus dem benachbarten Söhlde zu Wort gemeldet und sich ebenfalls klar gegen Rechts positioniert. Zusammen mit ihm und dem Kollegium plant Lange weitere Aktionen und möchte dafür auch Autorenkolleginnen und -Kollegen zu Lesungen oder Podiumsdiskussionen einladen.

Dieses Engagement verdient Respekt. Und es ist eine von vielen Aktionen aus der Buchbranche heraus zur Unterstützung der ankommenden Flüchtlinge. Ich freue mich über jede Einzelne. Deutschland ist eines der reichsten und politisch stabilsten Länder der Welt, wer, wenn nicht wir kann, helfen?

Ein Hunde-Leben

Mops_renntDer Mops besitzt ein sehr sonniges Gemüt. Es gibt kaum etwas, das ihm nicht gefällt. Zum Beispiel Aufstehen am Morgen. Wie toll ist das denn! Man trifft die netten Leute vom Vorabend wieder, es gibt Frühstück (sehr wichtig!), es geht raus für Stuhl- und Spaziergang. Wenn all das kein Grund zur Freude ist! Oder der Gang zum Tierarzt! Beim letzten Besuch mussten wir – also Tierärztin, Tierarzthelferin und ich – den Hund zu dritt bändigen, da er bei so viel Aufmerksamkeit keine zwei Sekunden stillhalten konnte, um sich impfen zu lassen.

Besonders schön sind auch die vielen Freunde, die man den ganzen Tag über trifft, egal wo man sich gerade befindet. Das kann der Postbote sein, der Mann im Anzug, der einfach nur vorbeiläuft, ein Kind, ein anderer Hund oder auch ein Pferd. Jeder muss begrüßt werden. Was für den Mops ein „Ich sage freundlich Hallo“ ist, sieht jedoch für den Begrüßten eher nach einer wild gewordenen Mopswurst aus, die auf ihn zustürmt, vor Freude hyperventiliert, eine endlose Zunge ausrollt und damit alles bearbeitet, was nicht sofort in Sicherheit gebracht wird. Dabei wedelt das Schwänzchen so heftig, dass sich der hintere Teil des Tiers eigenständig hin und her bewegt, während sein Vorderteil versucht, auf sein Gegenüber draufzuklettern. Je nach Verfassung des so Begrüßten schwanken die Reaktionen zwischen Fassungslosigkeit und Kampfknuddeln. Wobei Mops nur Letzteres gelten lässt und jede andere Reaktion als „vor Freude sprachlos“ deutet. An alle Nicht-Hundebesitzer: Ignorieren ist die richtige Reaktion. Wenn der Freund zu lange sprachlos bleibt, sucht Mops sich ein anderes Opfer.

Die hyperventilierende Freude setzt aber nicht nur bei der Begrüßung der Freunde ein, sondern auch beim Fressen und Spielen. Im Prinzip besteht das Leben des Mopses aus nichts anderem als Fressen, Spielen und Freunde begrüßen. Dazwischen noch ein Schläfchen, um fit zu sein für die nächste Runde Fressen, Spielen, Freunde begrüßen.

Das Leben ist doch einfach schön.

Mops und Frauchen arbeiten an der Beziehung

Mops_Blick
Der Mops und ich diskutieren zurzeit die Ausgestaltung unserer Beziehung. Während ich im Zwischenmenschlichen Augenhöhe durchaus schätze, habe ich mir in den Kopf gesetzt, die Mensch-Hund-Beziehung hierarchisch zu gliedern. Und zwar kommt zunächst der Mensch, erst dann der Hund. Allerdings sieht der Mops das nicht so, schließlich ist er in seiner Eigenwahrnehmung eine große muskulöse Bulldogge – auch an diesem Thema arbeiten wir – und als solche durchaus berechtigt, Hierarchien in Frage zu stellen.

Inzwischen gilt es als unumstritten, dass auch Hunde eine pubertäre Phase durchleben. Diese beginnt direkt nachdem sich erste Lernerfolge im Hundehirn eingestellt haben. Zuerst wird gelernt, was „Sitz“ bedeutet, und dann wird das Konzept hinterfragt. So wusste ich früher ganz genau, dass der fragende Blick des Mopses mir sagen will: „Ich weiß nicht, was du von mir willst.“ Und ich weiß, dass der gleich Blick heute heißt: „Ich weiß sehr wohl, was du willst, aber will ich das auch tun?“ Derzeit lautet seine Antwort auf diese fast schon rhetorische Frage meist: „Nein“. Nun haben aber wir Menschen den alleinigen Zugang zu den Futterquellen, was ein durchaus schlagkräftiges Druckmittel ist. Zu meinem Glück und seinem Leidwesen ist der Mops auch nicht groß genug, um sich mal selbst vom Tisch zu bedienen oder verschlossene Türen zu öffnen. Er ist eben doch keine Bulldogge.

Trotzdem wird zurzeit jeder gegebene Befehl hinterfragt. Und wenn man das Stuhlbein nicht von vorne ankauen darf, dann vielleicht von der Seite? Oder von hinten? Oder wenn Frauchen kurz wegsieht? Der Mops ist da flexibel. Frauchen weniger, da sie darauf besteht, dass das Stuhlbein überhaupt nicht angekaut wird.

Leider tröstet der Hinweis anderer Hundebesitzer nicht wirklich, die mir immer versichern, dass das nur eine Phase sei, und im Alter von zwei bis drei Jahren nachlässt. Der Mops ist jetzt ein Jahr alt. Es scheint wohl noch etwas Beziehungsarbeit vor uns zu liegen.

Fan-Fiction in der chinesischen U-Bahn

In der U-Bahn in Peking (Foto: Jannis Radeleff)
U-Bahn Fahrer in Peking (Foto: J. Radeleff)

China ist groß. Das weiß man zwar, aber wie groß, wird einem erst vor Ort bewusst. Zum Beispiel, wenn man mit einer chinesischen Studentin spricht, die erzählt, dass sie aus einer kleinen chinesischen Stadt kommt. Auf meine Nachfrage, wie klein die Stadt denn sei, antwortet sie: „Nur 7 Millionen Einwohner.“ Gut, ich komme aus einer großen deutschen Stadt – zumindest behauptet Frankfurt das von sich –, die aber noch nicht einmal eine Million Einwohner zählt.

Wenn man nun einmal überlegt, wie lange U-Bahn-Fahrten in dieser „großen“ deutschen Stadt dauern können, und das dann auf eine Stadt wir Peking überträgt, kann man sich vorstellen, wie viel Zeit dort im Schnitt in der U-Bahn verbracht wird. Vor allem, da Peking seine U-Bahn gerade auch in die außerhalb gelegenen Bezirke erweitert, als eine der Maßnahmen, dem Smog in der Stadt beizukommen.

In einer aktuellen Studie fand die Chinesische Akademie für Presse und Publikationen heraus, dass 58,1 Prozent der chinesischen Erwachsenen 2014 digital gelesen haben (http://german.china.org.cn/culture/txt/2015-04/22/content_35389787.htm). Ich bin mir sicher, ein großer Teil der Lesezeit in chinesischen Großstädten fand in der U-Bahn statt. 33,82 Minuten soll laut Umfrage auf dem Smartphone gelesen worden sein.

Das Smartphone ist für U-Bahn-Fahrten ein beinahe unumgängliches Utensil zum Zeitvertreib, egal ob für Bücher, Filme oder Spiel. Kaum einer, der sich während der Fahrt nicht damit beschäftigt. Am liebsten mit einem iPhone 6, natürlich in Gold. Blöd ist nur, dass der Akku, der mitgetragen wird, oft größer ist als das Gerät. Trotzdem ist der Apple-Hype ungebrochen und Apple-Stores brechend voll. Aber Samsung zieht nach und eröffnet Apple-ähnliche Flagshipstores in den großen Fußgängerzonen der chinesischen Republik. Wobei Android-Systeme durch die Sperrung von Google und somit auch des Google Play Stores einen gewissen Nachteil mit sich bringen.

Übrigens: Ein Vorteil des Handys im Vergleich zum Buch in chinesischen U-Bahnen ist das „taschenlose“ Reisen. Vor dem Betreten einer U-Bahn-Station muss man durch den Security Check und jede Tasche bzw. jeder größere Gegenstand muss durch die Röntgenröhre. Wer aber keine Tasche bei sich trägt, kann die Schlange vor dem Gerät vermeiden und den „taschenlosen“ Durchgang an der Seite nehmen.

Und was wird auf dem Smartphone in der U-Bahn gelesen? Der Erfolg von Autoren wie Tang jia San Shao zeigt es: Fan-Fiction. Die Leser wünschen sich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit und jeden Abend bei der Rückfahrt neue Texte. Das sind jeden Tag 7.000 bis 8.000 Wörter, so Tang jia San Shao. Der Verdienst liegt bei etwa einem US-Cent pro 1.000 Wörter (http://fantasy-faction.com/2014/fantasy-ebooks-big-in-china).

Gemeinsam gelesen – Mein-Literaturkreis.de als Anlaufstelle für Lesekreise

Druck Lesen ist eine einsame Tätigkeit. Man taucht in die Geschichte ein, folgt ihr, lässt sich auf die Welt der Geschichte ein und entwickelt Ideen und Bilder. Wenn am Ende die Buchdeckel zugeklappt werden und die Geschichte nachwirkt, haben viele Leser das Bedürfnis, ihre Eindrücke zu teilen und neue Gedanken mit anderen auszudiskutieren. So entstehen, seit es Literatur gibt, Lesekreise. Schon von der Dichterin Sappho wird überliefert, dass sie gemeinsam mit anderen über Gelesenes diskutierte. Diese Tradition hat sich über die Jahrhunderte hinweg über viele berühmte Literatursalons fortgesetzt und wird bis heute in zahlreichen Literaturkreisen weitergeführt.

So möchte ich in diesem Beitrag ein Start-Up vorstellen, dass sich online einem Offline-Thema widmet, nämlich die Seite www.mein-literaturkreis.de. Gründerin des Portals ist Kerstin Hämke, die selbst seit 14 Jahren Mitglied eines Literaturkreises und passionierte Leserin ist. Ihre schön gemachte und klar strukturierte Seite hat mich sofort überzeugt, weswegen ich mich freue, sie in meinem Blog vorstellen zu können.

Die Seite soll eine Anlaufstelle für Literaturkreise werden. Das Hauptanliegen hierbei ist natürlich das Vorstellen möglicher Bücher für Literaturkreise. Denn die richten sich bei der Auswahl ihrer Lektüre nicht unbedingt nach den gängigen Bestsellerlisten. Im Gegenteil, oft werden ältere Titel bevorzugt, verrät Hämke, da es diese als günstigeres Taschenbuch gibt.

Neben den Buchtipps bietet das Portal auch Starthilfe für Literaturkreise. Dort finden Interessenten Infos zur Vorgehensweise bei der Gründung und Tipps für interessante Aktionen. Außerdem werden Literaturkreise vorgestellt. Und schließlich finden Neugierige auf der Seite auch noch aktuelle Informationen rund um die Literaturbranche, wie z.B. Messetermine.

Eine schöne Idee, die eine ansprechende Form gefunden hat – daher Hut ab vor der Gründerin. Diese durfte ich mit einigen Fragen zu ihrem Projekt löchern. Hier ihre Antworten:
Businessportrait Kerstin HŠmke

  1. Wo findest du die empfohlenen Bücher?

Die besten Bücher für Literaturkreise sind gut geschrieben und beinhalten ein Thema, über das man angeregt und – idealerweise – kontrovers diskutieren kann. Die üblichen Bestsellerlisten sind bei der Suche nach diesen Büchern selten hilfreich: Oft sind die Bücher, die den Massengeschmack treffen, inhaltlich seicht und stilistisch mittelmäßig. Und teuer, weil bei Erscheinen oft nur gebunden erhältlich. Literaturkreismitglieder lesen viel und entscheiden sich daher fast immer für eine Lektüre, die bereits als preiswerteres Taschenbuch erhältlich ist.

Die Bücher, die wir empfehlen, finden aus unterschiedlichen Quellen ihren Weg auf unsere Webseite: Wir informieren uns in den Verlagsvorschauen und auf Buchmessen. Verlage machen uns auf eventuell passende Neuerscheinungen aufmerksam. BuchhändlerInnen nennen uns ihre Lieblingsbücher. Und immer wieder erhalten wir Buchvorschläge von Besuchern der Webseite.

Für alle Bücher aber gilt: Bücher, die wir auf der Webseite für eine Diskussion in Lese- oder Literaturkreisen vorschlagen, sind von Lesekreismitgliedern gelesen und für gut befunden worden. Viele habe ich selbst gelesen; zusätzlich werde ich von befreundeten Literaturkreisen und deren Mitgliedern bei der Auswahl unterstützt.

  1. E-Book oder gedruckt, was ist dir lieber?

Das kommt auf die jeweilige Lesesituation an.

Bücher für die Webseite oder meinen privaten Literaturkreis lese ich immer auf Papier. Ein gedrucktes Buch hat Seitenzahlen und erleichtert so beispielsweise das Wiederfinden von Textstellen, die man in der Gruppe diskutieren möchte. Auch kann man ein physisches Buch gut weitergeben. Das ist hilfreich, wenn ich eine zweite Meinung zur Aufnahme eines Buches auf die Webseite einholen möchte.

Auf Reisen und in den Urlaub nehme ich gerne meinen E-Reader mit. So kann ich viel lesen, ohne gleich einen eigenen Koffer für die Urlaubslektüre mitnehmen zu müssen. Und eine eingebaute Leselampe ist im elektronischen Lesegerät auch dabei.

Auf längeren Autofahrten greife ich gerne zum Hörbuch. Natürlich nur, wenn dieses das geschriebene Buch ungekürzt wiedergibt, was leider nicht immer der Fall ist.

  1. Als Leseratte – wie viele Bücher liest du in etwa im Jahr?

Leider viel weniger, als ich gerne lesen würde. Im Durchschnitt etwa ein Buch pro Woche.

Warum Buchempfehlungen nicht nerven (Kolumne)

britannicaMeinungen sind individuell und vielfältig, daher nie richtig oder falsch. Eine Meinung ist eben eine Meinung. Eine solche vertritt Poppy J. Anderson in ihrer aktuellen Kolumne bei den Kollegen von lesen.net: „Buchmarketing muss nicht nervend sein“. Sie beschreibt, dass viele Autoren wie Lautsprecher für ihr neues Buch werben, wo immer es auch geht. Ja, das ist richtig, die sozialen Medien laden dazu ein, mal eben hier und da zu verkünden, dass es ein neues Buch gibt – und dieses Informieren ist Pflicht für den Autor, denn ein Buch kann noch so gut sein, niemand wird es lesen, der nichts davon weiß.

Wer aber in der Buchbranche arbeitet oder sich auch einfach für Bücher interessiert, wird zunehmend mit Empfehlungen zugeschüttet und jeder Feiertag muss als Anlass für Buchtipps herhalten. Nicht selten bekommt man die Nachricht auch doppelt und dreifach, da sie in unterschiedlichen Gruppen gepostet wird. Das nervt, so Frau Andersons Meinung, mit der sie sicher nicht alleine dasteht. Und in einer Sache muss ich ihr auch recht geben: Die Werbefläche, die sich andere aufgebaut haben (z. B. eine Facebook-Seite), für die eigene Produktion zu nutzen, ist unkollegial und schlechter Stil.

Aber sind wir ansonsten nicht alle mündige Menschen? Ja, Werbung muss flach und aggressiv sein, sonst erreicht sie uns nicht. Doch es liegt an mir, ob ich mich damit beschäftige oder nicht, also ob sie mich nervt oder nicht. Mit Büchern beschäftige ich mich gerne. Also beschäftige ich mich auch mit Buchwerbung gerne. Warum ich auch Werbung für Thrombosestrumpfhosen bekomme, mag ich nicht analysieren, aber die ignoriere ich einfach. Buchtipps nicht. Selbst wenn es 50 pro Tag sind und alle lauten: „Ein Lesetipp zu Ostern“. Ich will lesen, das macht mir Spaß, das entspannt mich, das fordert mich heraus. Ich bin auf der Suche nach neuen Büchern, ich will neue Welten entdecken. Klar habe ich nicht immer die Zeit, mich auf jeden Buchtipp einzulassen. Aber wie schon gesagt, ich sehe mich als mündigen Menschen, der selbst entscheidet, wann er die Zeit dafür hat und wann nicht.

Daher: Bitte schickt mir weiterhin Buchtipps – zu Ostern, zum Wochenende, zu den Ferien. Wenn ich sie nicht lesen will, werde ich es nicht tun.

Übrigens: Ich mag besonders Britisches, Sci-Fi und Viktorianisches.