Das schönste E-Book Deutschlands

Dr. Marlies Michaelis
Dr. Marlies Michaelis

Auf der Buchmesse 2015 wurden wieder die ästhetisch und kreativ beeindruckendsten E-Books aus dem deutschsprachigen Raum prämiert (mehr zum eBook Award). Gewonnen hat der Krimi „Nichts ist, wie es ist“ aus dem Cividale Verlag Berlin. Die Verlegerin Dr. Marlies Michaelis hat mir freundlicherweise ein paar Fragen zum Buch und dessen Produktion beantwortet, und auf einmal wird klar, wie viel Arbeit in einem richtig schönen E-Book steckt:

Miss Eyre: Worum geht es in dem Siegertitel „Nichts ist, wie es ist“?
Dr. Marlies Michaelis:
Bei „Nichts ist, wie es ist. Kriminalrondo“ von Elke Heinemann geht es um einzelne Kriminal-Motive, die sprachlich-künstlerisch umkreist werden. Schon die Formulierung, dass es um etwas geht, führt in die Irre. Themen werden nur angedeutet, Tatorte und Motive umkreist, ohne dass es eine nachvollziehbare Handlung gibt. Die Fließtexte werden immer wieder von Gedichten – den Sirenengedichten – unterbrochen, welche die Lesenden irritieren und entzücken. Der Text ist ein literarisches Kunstwerk, dem etwas Mysteriöses anhaftet. Dieses Rätselhafte wird durch die Fotogramme der Fotografin Manuela Höfer noch verstärkt.

Miss Eyre: Wie kam es zu der Idee des enhanced E-Books?
Dr. Marlies Michaelis:
Im letzten Jahr wollte ich von Verlagsseite aus neben den „normalen“ E-Books und gedruckten Büchern auch ein multimediales, ein enhanced E-Book publizieren. Ich wollte wissen, was in dieser Buchform möglich ist. Während diese Idee in mir herumwaberte, lernte ich die Autorin Elke Heinemann kennen, die mir verschiedene Krimistücke zu lesen gab. Von „Nichts ist, wie es ist. Kriminalrondo“ war ich sofort begeistert. Die Texte sind recht kurz und können in beliebiger Reihenfolge gelesen werden. Dazu haben sie ganz eigene Klang- und Bildebenen. Aus meiner Sicht war es daher geradezu zwingend, die Texte in einem multimedialen Buch umzusetzen. Hinzu kam, dass die Autorin mir erzählte, sie wünsche sich für eine Umsetzung, dass die lineare Abfolge, die in einem gedruckten Buch ja unvermeidlich gegeben ist, aufgebrochen werden könne. Das konnte ich mir bei einer multimedialen Umsetzung gut vorstellen. Dann haben wir die Künstlerin Manuela Höfer hinzugezogen, die sofort damit einverstanden war, ihre Fotogramme dem Text als Begleitung beizugeben. Die klanghaften Ebenen des Textes konnten in den Tonstudio-Aufnahmen, die Elke Heinemann begleitet hat, ausgearbeitet werden.

Miss Eyre: Wer war für die technische Umsetzung des E-Books zuständig?
Dr. Marlies Michaelis: Basis für die technische Umsetzung war das Feinkonzept des Producers Matthias Liesendahl. Er hat die Bearbeitung der Materialien sowie das Layout der einzelnen Abschnitte vorgenommen. Die technische Umsetzung hat dann Guido Stemme von bureau23 vorgenommen – er hat aber nicht nur programmiert, sondern auch beraten. Und ganz häufig haben wir darüber diskutiert, wo die Grenzen des Buches liegen, ob das multimediale Projekt noch ein Buch ist oder (schon) etwas anderes. Und natürlich haben wir über die verschiedenen Möglichkeiten diskutiert, einzelne Passagen umzusetzen.

Miss Eyre: Wie lange hat die Umsetzung gedauert und welche besonderen Hürden gab es dabei?
Dr. Marlies Michaelis: Die Umsetzung hat insgesamt ein halbes Jahr gedauert. Anfangs dachte ich noch, dass das Ganze als App umgesetzt werden müsste. Das war mir aber nicht so ganz recht, weil der Vertrieb dann auf die beiden großen Shops – den von iTunes und Google Play – beschränkt gewesen wäre. Im Rahmen der Umsetzung habe ich dann die verschiedenen technischen Umsetzungsmöglichkeiten geprüft und erfahren, dass auch das übliche ePub-Format in der neuesten Version ePub 3 multimediale Inhalte umfassend darstellen kann und über das fixed Layout auch eine Kontrolle über die Seitengestaltung ermöglicht. Dieser Entscheidungsschritt – weg von der App-Idee hin zum offeneren Format ePub 3 – war eine von zwei Hürden. Die zweite Hürde bestand in der Auflösung des Linearen. Das war technisch mit ePub 3 kein Problem. Statt eines linearen Inhaltsverzeichnisses gibt es nun einen sich drehenden Kreis aus Abbildungen. Schwierig war, die Gewohnheit zu überwinden, dass ein Text komplett linear aufgebaut sein muss. Ein klein wenig Linearität ist auch geblieben – man kann immer noch per Wischen auf dem Tablet vor- und zurückblättern oder wahlweise den drehenden Kreis zur Navigation nutzen. Richtig mutig wäre es gewesen, auch diesen Halt an das Gewohnte – das Wischen als Ersatz für das Blättern – zu kappen. Aber das erschien mir dann doch zu experimentell.

Vielen Dank für das Gespräch an Dr. Marlies Michaelis vom Cividale Verlag!

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