Rezension: „Das Geheimnis der Lady Audley“

Das Geheimnis der Lady Audley Autorin: Mary Elizabeth Braddon (übersetzt und bearbeitet von Anja Marschall)
Erschienen in bearbeiteter Version von 2014 bei Dryas (www.dryas.de), ISBN Taschenbuch 978-3-940855-47-3, ISBN E-Book 978-3-941408-53-1, ungekürzt 1998 bei dtv (www.dtv.de) und im Original 1862 auf Englisch im Sixpenny Magazine von Maxwell bzw. neu aufgelegt bei Wordsworth Classics.

Der erste Satz: Das Herrenhaus von Audley Court verbarg sich in einem Tal mit prächtigen alten Bäumen und üppigen Weiden.

Als der Onkel des Londoner Anwalts Robert Audley wieder heiratet, und zwar die deutlich jüngere, wunderschöne Lucy Graham, besucht Robert ihn mit seinem Freund George, um die neue Lady Audley kennenzulernen. Doch offensichtlich kennen sich George und Lucy, und es scheint ihm, als würde Lucy ein dunkles Geheimnis umgeben. Doch bevor Robert mehr darüber erfahren kann, reist George überstürzt ab – in London kommt er aber nie an. Robert macht sich auf die Suche nach seinem Freund und gelangt bald zu der Überzeugung, dass er ihn nur finden kann, wenn er das Geheimnis lüftet, das Lucy Graham so sorgfältig hütet.

Die Autorin dieses viktorianischen Thrillers mit Gänsehautgarantie wurde 1837 (oder 1835, je nach Quelle) in London geboren. Ihre Eltern trennten sich, und die Liebe ihres Lebens, der Verleger John Maxwell, war bereits verheiratet, als sie ihn kennenlernte. So sind Scheidung, Bigamie und Ehebruch ein häufiges Thema ihrer Romane. Bis zu ihrem Tod 1915 schrieb sie über 80 Romane – die genaue Zahl ist nicht bekannt, da sie auch unter Pseudonym veröffentlichte und man daher bei einigen Texten nicht sicher ist, ob sie ihr zuzuordnen sind.

Braddon galt als die „Queen of Suspense“ ihrer Zeit, zu ihren Lesern gehörten Alfred Tennyson, Oscar Wilde oder Charles Dickens. Ihre Geschichten sind zeitlos spannend, nur ihr Schreibstil war sehr mit ihrer Epoche verhaftet. Daher wurde ihr Buch „Lady Audley’s Secret“ 2014 im Dryas Verlag von Anja Marschall neu übersetzt und dabei vorsichtig bearbeitet, so dass der Focus wieder auf der Geschichte liegt, man den viktorianischen Stil zwar noch sehr gut spürt, er aber nicht mehr stört, z. B. die ausufernde Länge der Landschaftsbeschreibungen. Geblieben ist auf jeden Fall die sprachliche Ironie wie beispielsweise in der Berufsbeschreibung von Robert Audley: „Robert Audley war angeblich Advokat. […] Sein Vater hatte ihm vierhundert Pfund im Jahr hinterlassen, und seine Freunde hatten ihm geraten, diesen Betrag durch den Eintritt in den Anwaltsstand zu vermehren. Und als er nach reiflicher Überlegung zu der Erkenntnis gelangt war, dass es weit mehr Mühe bereite, den Wünschen dieser Freunde zu widerstehen […], hatte er sich für Letzteres entschieden und nannte sich nun ohne irgendwelche Bedenken Advokat.“
Wer das Original auf Englisch lesen möchte, findet den gemeinfreien Text im Projekt Gutenberg: http://www.gutenberg.org/files/8954/8954-h/8954-h.htm

Leseprobe der Übersetzung: http://www.dryas.de/baker-street/das-geheimnis-der-lady-audley

Fazit: Viktorianische Geheimniskrämerei mit Gänsehautfaktor von der „Queen of Suspense“ der Epoche.

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