Gegen den Schmerz anspielen: Health Games

Schon immer wurde mit dem Erzählen von Geschichten Wissen vermittelt, es wurden praktische Kenntnisse weitergegeben, soziale und moralische Werte festgelegt oder Informationen über Zusammenhänge und Auswirkungen festgehalten. Doch neben dieser erkennbaren Form der Beeinflussung haben Geschichten auch eine psychologische Auswirkung auf ihre Zuhörer – Autoren und Leser wissen das. Hierbei ist es egal, ob es sich um ein hochliterarisches Werk eines Nobelpreisträgers oder eine Adelsgeschichte vom Bahnhofskiosk handelt. Beide haben eine Wirkung – die eine vielleicht eher auf den analytischen Verstand, die andere aufs Herz.

Controller (Pixabay)

Der positive Effekt des Vorlesens am Krankenbett ist ebenfalls seit Langem bekannt und fast alle Kliniken haben ehrenamtliche Besuchsdienste, die den Patienten etwas vorlesen. Das dient der Entspannung, der Ablenkung vom Klinikalltag und von den Problemen der Krankheit.

Allerdings gibt es Patienten, deren Schmerzpegel so hoch ist, dass das bloße Vorlesen, das Erzählen, nicht ausreicht, um sie von all dem abzulenken. Der technisch nächste Schritt ist die multimedial verpackte Geschichte in Form eines Computerspiels. Seit 1995 entwickelt besonders die Firma „Firsthand“ sogenannte „Health Games“, also Computerspiele, die so einfach und intuitiv zu bedienen sind, aber gleichzeitig derart fesseln, dass sie Patienten von ihren Schmerzen ablenken können. Bekannt wurde besonders ihr Spiel „SnowWorld“, als es 2008 bei dem Veteranen Brown des Afghanistankrieges eingesetzt wurde. Brown hatte sehr schwere Verbrennungen erlitten und unter anderem das Wechseln der Verbände war für ihn eine Qual. Spielte er jedoch während dieser Prozedur „SnowWorld“, ging es ihm messbar besser. Ohne „SnowWorld“, das ergaben Studien, dachten die Patienten 76 Prozent der Zeit an die Schmerzen, mit dem Spiel aber nur 26 Prozent der Zeit. Denn die Beschäftigung mit dem Schmerz gibt diesem Bedeutung, und diese Bedeutung wiederum steigert die Schmerzwahrnehmung. So erklärt der Psychologe und Mitentwickler des Spiels Hunter Hoffman das Phänomen. Mehr zum Spiel auf der Internetseite von Firsthand: http://www.firsthand.com/services/pain.html

Auch die EU hat zwischen 2007 und 2011 ein entsprechendes Projekt zur Entwicklung von Health Games finanziert: Playmancer. Die daraus entstandenen Spiele werden vor allem bei psychischen Störungen wie z. B. Anorexie eingesetzt: http://cordis.europa.eu/project/rcn/85309_en.html

In Großbritannien setzt man auf Papier. Beispielsweise gegen Depressionen gibt es hier Bücher auf Rezept: http://info.arte.tv/de/grossbritannien-lesen-gegen-das-leiden

Diese Forschungen sind auch für Autoren interessant. Ihre Geschichten sind nicht nur spannend und vermitteln Wissen, sie können zudem auch heilen. Vielleicht lässt sich nach und nach genauer messen, welche Handlungsstränge welchen Einfluss auf bestimmte Krankheiten haben. Als Hobbypsychologin vermute ich einfach mal, dass die Romane von Stephan King nichts für Menschen mit Einschlafstörungen sind. Der Tierarzt James Herriot beschreibt in seiner Buchreihe „Der Doktor und das liebe Vieh“, dass für ihn das allesbeste Schlafmittel „Die Brüder Karamasow“ war. Schon einmal darüber nachgedacht, ob Ihr Lieblingsbuch vielleicht nicht einfach nur eine gute Geschichte ist, sondern Ihnen sogar eine heilende Wirkung beschert?

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