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Rezension „Exit this City“

Climate Fiction von Lisa-Marie Reuter

„Doch allmählich kenne ich meinen Exilplaneten gut genug, um die vielen Facetten des Wahnsinns voneinander unterscheiden zu können. Affen, die Schutzgeld erpressen: alltäglicher Wahnsinn. Sprechende Hunde: außerordentlicher Wahnsinn. Besser, ich bleibe auf der Hut.“

Ohne Erinnerung irrt Marti durch Delhi im Jahr 2158 und versucht, mehr über sich und seine Herkunft herauszufinden. Dabei weicht ihm ein Hund nicht von der Seite, mit dem er sprechen kann, sonst aber niemand. Eine Tatsache, die der Protagonist recht gelassen aufnimmt.

Parallel lernen die Leser*innen Paksha kennen, ein junges Mädchen, dessen Inselheimat untergegangen ist und die sich nun in Deutschland befindet. Europa ist der einzige Kontinent, in dem nach dem Klimawandel noch Nahrung angepflanzt werden kann. Doch das Saatgut für die Pflanzen, die in dem ausgelaugten Boden noch wachsen können, gehört nicht den Bauern, sondern einem Großkonzern. Dagegen formiert sich Widerstand, der von der mysteriöse Veeru angeführt wird. Paksha ist fasziniert von Veeru und schließt sich ihrer Bewegung an.

Beide Handlungsstränge scheinen sehr lange Zeit nichts miteinander zu tun zu haben, erst spät lässt die Autorin die Verbindungen erkennen. Während das Ziel von Veeru und somit auch Paksha sehr bald klar ist, dauert es, bis man erfährt, was Marti mit der Geschichte zu tun hat. Somit dauert es leider auch, bis man diesem Charakter näher kommt.

Die Besonderheit des Buches ist der Weltenbau, ein Zukunftsvision, in der Indien durch Digitalisierung wirtschaftlich und kulturell die Vorreiterrolle in der Welt übernommen hat. Und Europa ein armer Bauernkontinent geworden ist, der den Anschluss verpasst hat. Ein sehr ungewöhnliches Setting für Science-Fiction, das eindeutig den Reiz des Buches ausmacht.

Dazu passend wird jedem Kapitel ein zum Inhalt passender Begriff auf Hindi voran gestellt und auch in den Gesprächen immer wieder Hindi eingeflochten. Man merkt, wie gut sich die Autorin in der indischen Kultur auskennt, und es gelingt ihr, ihre Begeisterung zu übermitteln. Ein besonders schönes Sprachspiel ergibt sich durch die Übersetzung des Namens der deutschen Stadt, zu der Veeru unterwegs ist: „Masala Qila“, also „Gewürz Burg“. Oder, wie die Einheimischen sagen: Würzburg.

Einige Längen, vor allem am Ende des Buches, schmälern das Lesevergnügen zwar etwas, trotzdem ist es vorhanden und das Buch kann allen Leser*innen empfohlen werden, die nach einem neuen und spannenden Weltenbau in der Science Fiction suchen.

Autorin: Lisa-Marie Reuter; FISCHER Tor, ISBN: 978-3-596-70482-8, https://www.fischerverlage.de/buch/lisa-marie-reuter-exit-this-city-9783596704828

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Rezension „Lost in Fuseta“

„Kommen Sie von einer Beerdigung?“ – „Nein“, antwortete Leander, „ich trage das gerne.“

Inhaltlich ein kleiner Krimi mit fieser Wendung, gut gemacht, aber nichts, was im Gedächtnis bleibt. Im Gedächtnis bleibt die Hauptperson der Geschichte, der autistische Kommissar Lost, der von Hamburg ins portugiesische Fuseta versetzt wird.

Soweit die Ausgangssituation. Spannend ist nun, was der Autor daraus gemacht hat. Natürlich sind die Figuren in gewisser Weise Klischees und leicht hätte das ganze Buch ein Klischee werden können. Jedoch schafft Ribeiro es, die Kurve zu bekommen, und den Figuren Tiefe zu geben, so dass sie nicht im Slapstick gefangen bleiben. Was bei einem Kommissar, der nicht lügen kann, sehr leicht hätte passieren können. Ein bisschen flott und reibungslos ist hingegen die Annäherung der Protagonisten, sowohl was die Kultur also auch was das soziale Handicap angeht.

Doch den eigentlichen Reiz des Buches machen die Dialoge aus. Leichte Sprachspielereien, manchmal ein bisschen platt, aber das Lächeln lässt sich nicht vermeiden. Das fängt schon mit dem Titel des Buches an. Es gibt nicht viele Bücher, durch die man sich hindurch lächelt.

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Rezension „Japanische Geistergeschichten“ – Von blutsaugenden Fröschen und untoten Geliebten

Autor: Lafcadio Hearn, übersetzt von Gustav Meyrink. Erschienen im Severus Verlag (www.severus-verlag.de), Taschenbuch, ISBN 978-3-958014-29-9

Die Entstehungsgeschichte des Buches ist fast so spannend wie das Buch selbst. Eine Sammlung japanischer Märchen und Sagen, geschrieben von einem griechischen Iren, der aus den USA nach Japan gezogen ist und sie dort gesammelt hat.

Patricio Lafcadio Tessima Carlos Hearn, der Autor der Geschichten, wurde 1850 in Griechenland als Sohn eines Iren und einer Griechin geboren. Im Alter von zwei Jahre zog er mit der Familie nach Dublin, wo sich seine Mutter sehr unwohl fühlte und eines Tages verschwand. Da der Vater als Militärarzt nach Indien abgerufen wurde, kam Lafcaido zu seiner Großtante. Der Vater verstarb jedoch auf dem Weg nach Indien und der Waisenjunge wurde drei Jahre später von der Tante nach England aufs College geschickt. Mit einem Stipendium lebte er einige Zeit in London, dann zog es ihn nach Amerika – zuerst nach Cincinnati, danach nach New Orleans. Später arbeitete er als Journalist in New York.

1890 nahm er die Möglichkeit wahr, als Sprachlehrer nach Japan zu ziehen, und lebte von da an in Matsue. Dort heiratete er auch, etablierte sich als Lehrer und sammelte japanische Märchen und Legenden. 1904 verstarb er in Tokio.

Die von ihm zusammengetragene Geschichtensammlung ist insofern besonders, weil er nicht nur die Märchen nacherzählt, sondern sie auch immer wieder aus westlicher Sicht kommentiert. Viele Gepflogenheiten sind Europäern beim Lesen japanischer Geschichte so fremd, dass sie sie nicht immer nachvollziehen können, und genau an solchen Punkten greift der Autor ein und vergleicht den Vorgang ganz kurz mit westlichen Vorstellungen. So wird die Sammlung in doppelter Hinsicht lesenswert, einmal aufgrund der japanischen Geschichten – die sich vom Grusel- und Brutalitätsfaktor her mit Grimms Märchen vergleichen lassen können –, andererseits aber auch durch die „Erklärung für Nicht-Japaner“.

16 Geschichten über japanische Geister, Samurais und Tierdämonen hat der Autor zusammengetragen. Darunter zum Beispiel die Geschichte zweier junger Liebender. Nachdem die Frau plötzlich gestorben ist, kann sich der Mann nicht mehr von dem Gedanken an sie freimachen und wird ganz offensichtlich immer gebrechlicher und hinfälliger. Als er behauptet, die junge Frau sei gar nicht tot, geht ein Nachbar der Sache nach. Dieser erzählt die Geschichte später Lafcadio, der die gruselige Entdeckung des Nachbarn zu Papier bringt.

Fazit: Eine Empfehlung für Liebhaber gruseliger Kurzgeschichten, Japan- und Mangafans (viele der Geschichten haben nachweislich die heutigen Mangas inspiriert).

Kaufen kann man das Buch übrigens unter anderem hier: Bakerstreet Buchhandlung

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Rezension „Die Schlange von Essex“

Autorin: Sarah Perry. Erschienen bei Eichborn (www.luebbe.de), Hardcover, ISBN 978-3-8479-0030-6, E-Book ISBN 978-3-7325-4930-6

Erster Satz: „Ein junger Mann geht unter dem kalten Vollmond am Ufer des Blackwater spazieren.“

Wir schreiben das Jahr 1893 und befinden uns in London. Cora Seabourne verliert ihren Mann. Dieser war deutlich älter als sie, unnachgiebig und dominierend, weswegen die Witwe nur wenig trauert und stattdessen vielmehr ihre neue Freiheit genießt. Gemeinsam mit ihrem Sohn und ihrer Gesellschafterin Martha will sie London verlassen. Cora ist begeistert von den Entdeckungen Charles Darwins und möchte die unterschiedlichen Erdzeitalter erforschen. Stets auf der Suche nach Versteinerungen zieht es sie nach Essex, wo sie von der „Schlang von Essex“ hört, einem Ungetüm, das die Grafschaft regelmäßig heimsuchen soll. Cora will diesem Mythos auf den Grund gehen.

Doch auch wenn Cora und ihre Geschichte der Ausgangspunkt des Romans sind, so ist sie nur eine der Hauptfiguren. Nach dem Tod ihres Mannes lernt sie den ehrgeizigen Arzt Luke Garrett kennen, der mit neuen Operationsmethoden die Medizin revolutionieren will. Und in Essex trifft sie auf Pfarrer Ransome und seine Familie, deren Geschichten in die von Cora einfließen, zeitweise die Oberhand gewinnen und dann wieder Raum für andere Figuren machen.

Der Roman gleicht einer Decke mit unterschiedlichen, sich wiederholenden Mustern. Er erzählt Episoden aus den Leben jeder der Figuren – manchmal alltägliche Kleinigkeiten, manchmal lebensverändernde Episoden –, und immer, wenn der Leser in die Welt einer Person eingetaucht ist, ändert sich das Muster und eine andere Figur übernimmt. So taucht er tief in unterschiedliche Lebenswelten der damaligen Zeit ein. Und ihm wird nie langweilig.

Einziger Nachteil dieser Methode ist, dass kein Platz bleibt, die Figuren in ihrer Tiefe auszuloten. Jede für sich ist interessant und ein Querdenker in ihrer Gesellschaft, aber immer, wenn man ihr näher kommt, wechselt die Perspektive. Somit wird das Buch zu einem vielseitigen, schillernden Bild der damaligen Zeit und unterschiedlicher Charaktere, die sich in ihr behaupten. Aber psychologische Erklärungen für die Motivation der Figuren bleiben weitestgehend außen vor.

Bemerkenswert ist der Schreibstil der Autorin, der auch in der Übersetzung fesselt. Dass das Buch den britischen Buchpreis gewonnen hat, lässt sich insbesondere auf die elegante und feinfühlig verwendete Sprache zurückführen.

Fazit: Eigentlich kein Roman, sondern eine Reihe von Erzählungen, die den Leser fesseln und ein Bild der Epoche zeichnen. Wer das sucht, dem sei das Buch wärmstens empfohlen.

Kaufen kann man das Buch übrigens unter anderem hier: Buchhandlung am Riedberg

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Rezension „Die Alchemie der Unsterblichkeit“

Autorin: Kerstin Pflieger. Erschienen bei Goldmann (www.randomhouse.de), Taschenbuch, ISBN 978-3-442-47483-7, E-Book ISBN 978-3-641-05820-3

Erster Satz: „Darum werden ihre Plagen auf einen Tag kommen: Tod, Leid und Hunger; mit Feuer wird sie verbrannt werden; denn stark ist Gott der Herr, der sie richten wird.“

Der Gelehrte und Assistent der Stadtwache Karlsruhe, Icherios Ceihn, erhält von seinem Vorgesetzten und Lehrer einen Auftrag. Er soll nach Dornfelde im nördlichen Schwarzwald fahren und der Stadtverwaltung vor Ort helfen, einen Mord aufzuklären. Der Fürst des Orts höchstpersönlich habe Unterstützung angefordert.

Dornfelde liegt im sogenannten Dunklen Territorium, um die Gegend ranken sich viele abergläubische Legenden. Trotzdem nimmt Icherios den Auftrag an, da er sich der Herausforderung stellen möchte. Wie er jedoch bald merkt, sind die Legenden keine Einbildung.

Wer sich bei der Beschreibung an Sleepy Hollow und Ichabod Crane erinnert fühlt, liegt damit nicht falsch. Die Anleihe an den Klassiker ist aber außerordentlich gelungen. Wer Spaß an Sleepy Hollow hatte, wird auch Icherios Ceihns Abenteuer gerne verfolgen.

Der Einsteig in den Roman ist leider sehr informationslastig, der Protagonist und seine Welt müssen ja eingeführt werden. Hier wäre ein bisschen mehr Raum für die Figuren und ihre Eigenheiten schön gewesen.

Dafür entschädigt aber die dracula-gleiche Ankunft in Dornfelde, abgeholt von Renfin und gejagt von Irrlichtern.

Mit Icherios die Bewohner von Dornfelde kennen zu lernen und ihre, sagen wir mal, Eigenheiten, lohnt sich auf jeden Fall und sei auch Skeptikern ans Herz gelegt, die zweifeln, ob Gothic Horror in den Schwarzwald passt.

Fazit: Gothic Horror im Schwarzwald funktioniert hervorragend.

Leseprobe unter http://www.buchhandlung-am-riedberg.de/shop/item/9783404169740

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Rezension „Die Augen der Heather Grace“

Die Augen der Heather GraceAutor: David Pirie. Erschienen bei Bastei Lübbe (www.luebbe.de), Taschenbuch ISBN 978-3-404-16974-0, E-Book ISBN 978-3-8387-5368-3

Erster Satz: „Nun also doch.“

Vorab der eine Punkt, an dem die Erwartung etwas gedämpft wird: In dem Buch geht es nicht um Sherlock Holmes, auch wenn der Untertitel „Aus den dunklen Anfängen von Sherlock Holmes“ lautet. Der Erzähler des Romans ist Arthur Conan Doyle und er beschreibt sein erstes Treffen mit Professor Joseph Bell und die Zusammenarbeit an einem ersten gemeinsamen Kriminalfall.

Der Fall selbst ist fiktiv, historisch belegt sind aber die Figur des Joseph Bell sowie die Tatsache, dass er und Conan Doyle sich kannten. Joseph Bell war Professor an der medizinischen Fakultät von Edinburgh. In seinen Vorlesungen betonte er immer wieder, wie wichtig eine genaue Beobachtung für die Diagnose ist. Seine Beobachtungsgabe galt als derart legendär, dass er beim vierten Mord von Jack the Ripper zu Rate gezogen wurde.

Bell war das Vorbild für Doyles Sherlock Holmes. Doyle selbst lernte ihn während seines Studiums 1877 in Edinburgh kennen und arbeitete als sein Assistent. So auch im vorliegenden Roman, der in seiner Erzählweise stark an das Original von Doyle erinnert.

Nach seinem Studium wird Doyle von einem seiner Kommilitonen gebeten, in dessen Praxis mitzuarbeiten. Eine seiner ersten Patientinnen, Heather Grace, leidet unter dem Gefühl, verfolgt zu werden – was sich schon bald als wahr herausstellt. Alles deutet auf einen Geist hin, der es auf sie abgesehen hat. Doyle weiß nicht mehr weiter und bittet Bell um Hilfe. Und selbst wenn Sherlock Holmes nicht persönlich auftritt, so macht ihm Bell doch alle Ehre und Doyle selbst folgt diesem wie Dr. Watson.

Der Roman bietet dem Leser wirklich alles, was man sich als Fan des Genres wünschen kann: unheimliche Wälder, Nebel in England, verschlüsselte Botschaften, verschrobene Detektive und jede Menge Wahnsinn.

Fazit: Eine Leseempfehlung für Sherlock-Holmes-Fans, Gothic-Liebhaber und alle, die gerne ins viktorianische England eintauchen.

Leseprobe unter http://www.buchhandlung-am-riedberg.de/shop/item/9783404169740

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Rasputin und der Haftungswiderspruch

rasputin
Rasputin (Quelle: Wiki Commons)

Er taucht in jedem Blockbuster auf und auch auf zahlreichen Webseiten: der Disclaimer. Dieser kleine Hinweis, dass man für die Inhalte weiterleitender Links nicht haftet oder die Darstellung von Personen komplett fiktiv ist – ein Hinweis, der übrigens auch in Büchern immer öfter auftaucht.

Die Schuld, weshalb es Disclaimer gibt, trägt, wie an vielem anderen auch, der russische Mystiker Rasputin – oder eigentlich einer seiner Mörder, Felix Felixowitsch Fürst Jussupow. Der Fürst gehörte zu dem Kreis russischer Aristokraten, die 1916 beschlossen, Rasputin umzubringen, um so seinem schädlichen Einfluss auf die Zarenfamilie ein Ende zu setzen. Jussopow lud Rasputin in seinen Palast ein und servierte ihm vergifteten Kuchen und Wein. Doch das animierte den Mystiker nur zum Singen. Danach schoss Jussupow Rasputin in den Rücken, doch statt tot umzufallen, wankte dieser in den Hof des Palastes. Ein weitere Adeliger schoss noch vier Mal auf Rasputin, aber als auch das nichts half, wurde Rasputin gefesselt und im Fluss versenkt, so die Legende.

Fürst Felix Jussupow und seine Frau Irina (Copyright: Boasson and Eggler St. Petersburg Nevsky 24)
Fürst Felix Jussupow und seine Frau Irina (Copyright: Boasson and Eggler St. Petersburg Nevsky 24)

Und eine Geschichte, die sich großartig für Romane und Filme eignet, weswegen bereits 1932 MGM den Film „Rasputin: Der Dämon Rußlands“ produzierte. Dort taucht Jussupow leicht erkennbar unter dem Namen „Prince Paul Chegodieff“ und seine Frau Irina als Natascha auf. Natascha wird in dem Film von Rasputin vergewaltigt. Fürst Jussupow und seine Frau schaffen es, die Revolution zu überleben und ins Exil nach Paris zu flüchten. Irina erklärt, nie von Rasputin vergewaltigt worden zu sein, klagt und gewinnt. Seither ist der Disclaimer am Filmende Standard: „This is a work of fiction. Any similarity to actual persons, living or dead, or actual events, is purely coincidental.“

Auch deutsche Produktionen setzen ihn inzwischen ein, und ebenso sind Webseitenbetreiber dazu übergegangen, Disclaimer im Impressum zu nutzen. Einige dieser Disclaimer stammen sogar von Anwälten.

Nur: Rechtlich sind diese Disclaimer wirkungslos, da bei uns deutsches Recht gilt!

Nach US-amerikanischem Recht ist es möglich, die Haftung mit dieser Erklärung außer Kraft zu setzen, nach deutschem Recht nicht. Nach deutschem Recht geht man davon aus, dass ein Webseitenbetreiber einen Link als ausdrückliche Ergänzung zu seiner Seite angibt, also folgerichtig auch für die Inhalte haften muss. Natürlich gibt es Ausnahmen, die vor Gericht sicher anerkannt würden, wie zum Beispiel wissenschaftliche Webseiten, die beispielsweise über radikale Strömungen berichten und dies per Verlinkung belegen. Aber prinzipiell kann man nach deutschem Recht der Haftung so nicht entgehen.

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Wenn die Künstliche Intelligenz Serienenden errät

KI antizipiert nächste Handlung. (Screenshot: Youtube/MIT)
KI antizipiert nächste Handlung. (Screenshot: Youtube/MIT)

Intelligenz bedeutet, auf Muster zurückgreifen zu können und anhand dieses Erfahrungsschatzes mögliche Ereignisse zu erahnen. So weiß man beispielsweise als Fußgänger, wenn man hört, wie ein Autofahrer vor dem Zebrastreifen noch mal Gas gibt, dass der A… vermutlich nicht halten wird, und man bleibt lieber stehen. Roboter wissen das in der Regel noch nicht, daher würde so eine Begegnung für sie nicht positiv enden. Das nennt man dann Darwinismus.

Was das mit meinem Thema „Technik und Medien“ zu tun hat, erkläre ich gleich: Forscher am MIT für Computerwissenschaften haben einen Weg gefunden, KIs solche Muster beizubringen, indem sie ihnen einen Serienmarathon verordnet haben.

Serienmarathon verordnet

Der KI wurde 600 Stunden Filmmaterial aus „Big Bang Theorie“, „The Office“ und anderen aktuellen Serien vorgespielt. Anhand dieses „Erfahrungsschatzes“ sollte sie verstehen, in welchen Situationen Aktionen wie Küssen, Umarmungen oder ein Handschlag erfolgen. Um zu überprüfen, ob es funktioniert, wurden der KI im Anschluss daran Szenen gezeigt, die sie noch nicht kannte, und in 43 % der Fälle konnten sie vorhersagen, was als Nächstes geschehen würde. Bei Menschen liegt die Treffsicherheit in der Regel bei 71 %. Allerdings lief die Studie über 2 Jahre, während auf Menschenseite in der Regel 30 bis 40 Jahre Lebenserfahrung vorlagen. Der Autor der Studie, Carl Vondrick, meinte daher auch, dass es interessant sei zu erfahren, wie hoch die Trefferquote liege, wenn die KI ebenfalls 30 Jahre Erfahrung hinter sich habe.

Erfahrung und Intelligenz

Die Studie hat einen interessanten Ansatz, nur wirft sie eine Frage auf: Ist nicht die Tatsache, dass eben nicht alles so läuft wie erwartet, das, was uns an den Serien fasziniert? Bekanntestes Beispiel, das hoffentlich inzwischen kein Spoiler mehr ist: In „Game of Thrones“ erwartet jeder, dass Eddard Stark überlebt, doch genau das geschieht nicht. Von der Situation in der Serie ausgehend, ist es sogar realistisch, dass er nicht überlebt. Aber unsere Erfahrung mit fiktiven Geschichten lässt uns annehmen, dass auch hier der Held überlebt, weswegen wir über diese Wendung überrascht sind. Wer blickt denn dann „intelligenter“ auf die Welt – die KI, die das Muster fiktiver Erzählungen nicht berücksichtigt, oder der Mensch, der hier eine weitere Erfahrung einbringen kann?

Der Zweck der Übung ist im Übrigen nicht das Spoilern von Ereignissen in Serien, sondern das Verhindern von Unfällen. Womit wir wieder beim anfänglichen Beispiel wären: Wenn der Roboter vorhersehen kann, dass der Autofahrer nicht abbremsen wird, kann er beispielsweise Kinder daran hindern, auf die Straße zu laufen.

Wer mehr über diesen Forschungsansatz erfahren möchte, findet die Studie unter: http://web.mit.edu/vondrick/prediction.pdf

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Rezension: „Heute dreimal ins Polarmeer gefallen“


cover_polarmeerAutor: Arthur Conan Doyle. Übersetzt von Alexander Pechmann. Erschienen im mare Verlag (http://www.mare.de/), Hardcover mit Schutzumschlag (ISBN 978-3-86648-209-8).

Erster Satz: „An einem Nachmittag im März 1880 beschloss ein junger Medizinstudent namens Arthur Conan Doyle spontan, sein Studium zu unterbrechen und als Schiffsarzt auf einem Arktis-Walfänger anzuheuern.“

Bevor Arthur Conan Doyle als Autor der Sherlock-Holmes-Reihe weltberühmt wurde, studierte er Medizin in Edinburgh. Neugierig beschloss er eines Tages, sich als Schiffsarzt auf einem Walfangboot anwerben zu lassen. Die Crew war froh, überhaupt einen Arzt an Bord zu haben, auch wenn dieser noch nicht fertig ausgebildet war. Für Conan Doyle wurde die sechs Monate dauernde Fahrt zu einem großen Abenteuer, bei dem er seine Eindrücke und Erlebnisse detailliert in einem Tagebuch festhielt.

Die nun vorliegende erste Übersetzung ins Deutsche des Tagesbuchs seiner Arktisfahrt liest sich selbst wie ein Abenteuerroman. Doyle erzählt von der Suche nach Walen und der Konkurrenz zwischen den Walfangbooten, von Robbenjagden und seiner Meeresschnecke „John Thomas“, die er in einem Gurkenglas hielt, von Boxkämpfen mit der Besatzung und seinem Problem, auf vereisten Schiffsplanken zu laufen – was ihm den Spitznamen „Eisvogel“ einbrachte, da er regelmäßig ins Wasser fiel.

Das Buch ist genau das Richtige für Bibliophile. Die Ausstattung ist wunderschön mit Leineneinband, Lesebändchen, Schuber und vielen Faksimilie-Seiten des Originaltagebuchs im Inneren.

Inhaltlich ist es ein Buch für alle, die von der durchaus skurrilen Persönlichkeit Conan Doyles fasziniert sind, für Liebhaber von Schifffahrtsabenteuern und für all diejenigen, die das 19. Jahrhundert als Epoche interessiert.

Fazit: Das Tagebuch eines schillernden Autors übersetzt für Bewunderer Conan Doyles und alle, die gerne Abenteuergeschichten zur See im 19. Jahrhundert lesen.

Leseprobe: http://www.mare.de/files/mare_doyle_polarmeer_lp.pdf

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Rezension: Inspector Swanson und der Magische Zirkel

Marley_Swanson_3_Zirkel_72dpi_RGBAutor: Robert C. Marley. Erschienen im Dryas Verlag (http://www.dryas.de/), Taschenbuch (ISBN 978-3-940855-64-0) oder E-Book (ISBN978-3-941408-82-1).

Erster Satz: Draußen vor dem Sprossenfenster fiel leise der Schnee.

Ende des 19. Jahrhunderts ist die große Zeit der Varietés und der Show-Magier, deren berühmtester Vertreter, Harry Houdini, Menschenmassen in Atem hielt. Die Zauberei ist eine der heimlichen Leidenschaften von Scotland Yards Chief Inspector Swanson. Als er sich mit seiner Frau einen freien Abend gönnt, um die Vorstellung des großen van Dyke zu besuchen, kommt es zu einem Zwischenfall. Bei einer Entfesselungsnummer hat der sich in einen Wasserbottich einsperren lassen, doch das Schloss ist blockiert. Van Dyke kann gerade noch in letzter Sekunde gerettet werden. Zufall oder ein Anschlag auf sein Leben?

Swanson nimmt die Ermittlungen auf. Es ist sein dritter Fall nach „Inspector Swanson und der Fluch des Hope Diamanten“ und „Inspector Swanson und der Fall Jack the Ripper“. Unterstützt wird er wieder vom unerschütterlichen Sergeant Phelps und seinem Freund Sir Frederick Greenland – dessen Freund Oscar Wilde wiederum es nicht lassen kann, sich ebenfalls in diesen Fall einzumischen.

Ein Hinweis: Da ich für den Verlag arbeite, in dem das Buch erschienen ist, ist diese Rezension sicher voreingenommen. Aber dieser Roman ist eine Entdeckung, die ich Fans viktorianischer Krimis nicht vorenthalten will.

Lesenswert ist der Roman vor allem wegen der vielen Details über das Leben im viktorianischen London, die der Autor zusammengetragen hat und nebenbei in den Roman einfließen lässt. Dinge wie die Ausstattung der damals nagelneu eingerichteten Pathologie, die man mit zu wenig Personal in den Keller des Yard verbannt hatte. Oder dass Varieté damals ein durchaus elitäres Vergnügen war – zwei Karten für die Show kosten einen Chief Inspector sein halbes Monatsgehalt.

Großartig ist auch der Erzählstil des Autors. Er folgt abwechselnd unterschiedlichen Personen des Romans, wobei jede eine ganz eigene Art hat, die Welt zu betrachten. Wie ein Puzzle fügen sich so die Teile des Falls nach und nach ineinander. Durch den gesamten Roman zieht sich ein trockener, sehr britischer Humor, sodass man als Leser oft leise in sich hineinlachen muss.

Fazit: Sehr viktorianisch, sehr spannend und sehr empfehlenswert.

Leseprobe: http://www.dryas.de/baker-street/inspector-swanson-und-der-magische-zirkel