Rezension „Japanische Geistergeschichten“ – Von blutsaugenden Fröschen und untoten Geliebten

Autor: Lafcadio Hearn, übersetzt von Gustav Meyrink. Erschienen im Severus Verlag (www.severus-verlag.de), Taschenbuch, ISBN 978-3-958014-29-9

Die Entstehungsgeschichte des Buches ist fast so spannend wie das Buch selbst. Eine Sammlung japanischer Märchen und Sagen, geschrieben von einem griechischen Iren, der aus den USA nach Japan gezogen ist und sie dort gesammelt hat.

Patricio Lafcadio Tessima Carlos Hearn, der Autor der Geschichten, wurde 1850 in Griechenland als Sohn eines Iren und einer Griechin geboren. Im Alter von zwei Jahre zog er mit der Familie nach Dublin, wo sich seine Mutter sehr unwohl fühlte und eines Tages verschwand. Da der Vater als Militärarzt nach Indien abgerufen wurde, kam Lafcaido zu seiner Großtante. Der Vater verstarb jedoch auf dem Weg nach Indien und der Waisenjunge wurde drei Jahre später von der Tante nach England aufs College geschickt. Mit einem Stipendium lebte er einige Zeit in London, dann zog es ihn nach Amerika – zuerst nach Cincinnati, danach nach New Orleans. Später arbeitete er als Journalist in New York.

1890 nahm er die Möglichkeit wahr, als Sprachlehrer nach Japan zu ziehen, und lebte von da an in Matsue. Dort heiratete er auch, etablierte sich als Lehrer und sammelte japanische Märchen und Legenden. 1904 verstarb er in Tokio.

Die von ihm zusammengetragene Geschichtensammlung ist insofern besonders, weil er nicht nur die Märchen nacherzählt, sondern sie auch immer wieder aus westlicher Sicht kommentiert. Viele Gepflogenheiten sind Europäern beim Lesen japanischer Geschichte so fremd, dass sie sie nicht immer nachvollziehen können, und genau an solchen Punkten greift der Autor ein und vergleicht den Vorgang ganz kurz mit westlichen Vorstellungen. So wird die Sammlung in doppelter Hinsicht lesenswert, einmal aufgrund der japanischen Geschichten – die sich vom Grusel- und Brutalitätsfaktor her mit Grimms Märchen vergleichen lassen können –, andererseits aber auch durch die „Erklärung für Nicht-Japaner“.

16 Geschichten über japanische Geister, Samurais und Tierdämonen hat der Autor zusammengetragen. Darunter zum Beispiel die Geschichte zweier junger Liebender. Nachdem die Frau plötzlich gestorben ist, kann sich der Mann nicht mehr von dem Gedanken an sie freimachen und wird ganz offensichtlich immer gebrechlicher und hinfälliger. Als er behauptet, die junge Frau sei gar nicht tot, geht ein Nachbar der Sache nach. Dieser erzählt die Geschichte später Lafcadio, der die gruselige Entdeckung des Nachbarn zu Papier bringt.

Fazit: Eine Empfehlung für Liebhaber gruseliger Kurzgeschichten, Japan- und Mangafans (viele der Geschichten haben nachweislich die heutigen Mangas inspiriert).

Kaufen kann man das Buch übrigens unter anderem hier: Bakerstreet Buchhandlung

Rezension „Die Schlange von Essex“

Autorin: Sarah Perry. Erschienen bei Eichborn (www.luebbe.de), Hardcover, ISBN 978-3-8479-0030-6, E-Book ISBN 978-3-7325-4930-6

Erster Satz: „Ein junger Mann geht unter dem kalten Vollmond am Ufer des Blackwater spazieren.“

Wir schreiben das Jahr 1893 und befinden uns in London. Cora Seabourne verliert ihren Mann. Dieser war deutlich älter als sie, unnachgiebig und dominierend, weswegen die Witwe nur wenig trauert und stattdessen vielmehr ihre neue Freiheit genießt. Gemeinsam mit ihrem Sohn und ihrer Gesellschafterin Martha will sie London verlassen. Cora ist begeistert von den Entdeckungen Charles Darwins und möchte die unterschiedlichen Erdzeitalter erforschen. Stets auf der Suche nach Versteinerungen zieht es sie nach Essex, wo sie von der „Schlang von Essex“ hört, einem Ungetüm, das die Grafschaft regelmäßig heimsuchen soll. Cora will diesem Mythos auf den Grund gehen.

Doch auch wenn Cora und ihre Geschichte der Ausgangspunkt des Romans sind, so ist sie nur eine der Hauptfiguren. Nach dem Tod ihres Mannes lernt sie den ehrgeizigen Arzt Luke Garrett kennen, der mit neuen Operationsmethoden die Medizin revolutionieren will. Und in Essex trifft sie auf Pfarrer Ransome und seine Familie, deren Geschichten in die von Cora einfließen, zeitweise die Oberhand gewinnen und dann wieder Raum für andere Figuren machen.

Der Roman gleicht einer Decke mit unterschiedlichen, sich wiederholenden Mustern. Er erzählt Episoden aus den Leben jeder der Figuren – manchmal alltägliche Kleinigkeiten, manchmal lebensverändernde Episoden –, und immer, wenn der Leser in die Welt einer Person eingetaucht ist, ändert sich das Muster und eine andere Figur übernimmt. So taucht er tief in unterschiedliche Lebenswelten der damaligen Zeit ein. Und ihm wird nie langweilig.

Einziger Nachteil dieser Methode ist, dass kein Platz bleibt, die Figuren in ihrer Tiefe auszuloten. Jede für sich ist interessant und ein Querdenker in ihrer Gesellschaft, aber immer, wenn man ihr näher kommt, wechselt die Perspektive. Somit wird das Buch zu einem vielseitigen, schillernden Bild der damaligen Zeit und unterschiedlicher Charaktere, die sich in ihr behaupten. Aber psychologische Erklärungen für die Motivation der Figuren bleiben weitestgehend außen vor.

Bemerkenswert ist der Schreibstil der Autorin, der auch in der Übersetzung fesselt. Dass das Buch den britischen Buchpreis gewonnen hat, lässt sich insbesondere auf die elegante und feinfühlig verwendete Sprache zurückführen.

Fazit: Eigentlich kein Roman, sondern eine Reihe von Erzählungen, die den Leser fesseln und ein Bild der Epoche zeichnen. Wer das sucht, dem sei das Buch wärmstens empfohlen.

Kaufen kann man das Buch übrigens unter anderem hier: Buchhandlung am Riedberg

Rezension „Die Alchemie der Unsterblichkeit“

Autorin: Kerstin Pflieger. Erschienen bei Goldmann (www.randomhouse.de), Taschenbuch, ISBN 978-3-442-47483-7, E-Book ISBN 978-3-641-05820-3

Erster Satz: „Darum werden ihre Plagen auf einen Tag kommen: Tod, Leid und Hunger; mit Feuer wird sie verbrannt werden; denn stark ist Gott der Herr, der sie richten wird.“

Der Gelehrte und Assistent der Stadtwache Karlsruhe, Icherios Ceihn, erhält von seinem Vorgesetzten und Lehrer einen Auftrag. Er soll nach Dornfelde im nördlichen Schwarzwald fahren und der Stadtverwaltung vor Ort helfen, einen Mord aufzuklären. Der Fürst des Orts höchstpersönlich habe Unterstützung angefordert.

Dornfelde liegt im sogenannten Dunklen Territorium, um die Gegend ranken sich viele abergläubische Legenden. Trotzdem nimmt Icherios den Auftrag an, da er sich der Herausforderung stellen möchte. Wie er jedoch bald merkt, sind die Legenden keine Einbildung.

Wer sich bei der Beschreibung an Sleepy Hollow und Ichabod Crane erinnert fühlt, liegt damit nicht falsch. Die Anleihe an den Klassiker ist aber außerordentlich gelungen. Wer Spaß an Sleepy Hollow hatte, wird auch Icherios Ceihns Abenteuer gerne verfolgen.

Der Einsteig in den Roman ist leider sehr informationslastig, der Protagonist und seine Welt müssen ja eingeführt werden. Hier wäre ein bisschen mehr Raum für die Figuren und ihre Eigenheiten schön gewesen.

Dafür entschädigt aber die dracula-gleiche Ankunft in Dornfelde, abgeholt von Renfin und gejagt von Irrlichtern.

Mit Icherios die Bewohner von Dornfelde kennen zu lernen und ihre, sagen wir mal, Eigenheiten, lohnt sich auf jeden Fall und sei auch Skeptikern ans Herz gelegt, die zweifeln, ob Gothic Horror in den Schwarzwald passt.

Fazit: Gothic Horror im Schwarzwald funktioniert hervorragend.

Leseprobe unter http://www.buchhandlung-am-riedberg.de/shop/item/9783404169740