Rezension „Die Augen der Heather Grace“

Die Augen der Heather GraceAutor: David Pirie. Erschienen bei Bastei Lübbe (www.luebbe.de), Taschenbuch ISBN 978-3-404-16974-0, E-Book ISBN 978-3-8387-5368-3

Erster Satz: „Nun also doch.“

Vorab der eine Punkt, an dem die Erwartung etwas gedämpft wird: In dem Buch geht es nicht um Sherlock Holmes, auch wenn der Untertitel „Aus den dunklen Anfängen von Sherlock Holmes“ lautet. Der Erzähler des Romans ist Arthur Conan Doyle und er beschreibt sein erstes Treffen mit Professor Joseph Bell und die Zusammenarbeit an einem ersten gemeinsamen Kriminalfall.

Der Fall selbst ist fiktiv, historisch belegt sind aber die Figur des Joseph Bell sowie die Tatsache, dass er und Conan Doyle sich kannten. Joseph Bell war Professor an der medizinischen Fakultät von Edinburgh. In seinen Vorlesungen betonte er immer wieder, wie wichtig eine genaue Beobachtung für die Diagnose ist. Seine Beobachtungsgabe galt als derart legendär, dass er beim vierten Mord von Jack the Ripper zu Rate gezogen wurde.

Bell war das Vorbild für Doyles Sherlock Holmes. Doyle selbst lernte ihn während seines Studiums 1877 in Edinburgh kennen und arbeitete als sein Assistent. So auch im vorliegenden Roman, der in seiner Erzählweise stark an das Original von Doyle erinnert.

Nach seinem Studium wird Doyle von einem seiner Kommilitonen gebeten, in dessen Praxis mitzuarbeiten. Eine seiner ersten Patientinnen, Heather Grace, leidet unter dem Gefühl, verfolgt zu werden – was sich schon bald als wahr herausstellt. Alles deutet auf einen Geist hin, der es auf sie abgesehen hat. Doyle weiß nicht mehr weiter und bittet Bell um Hilfe. Und selbst wenn Sherlock Holmes nicht persönlich auftritt, so macht ihm Bell doch alle Ehre und Doyle selbst folgt diesem wie Dr. Watson.

Der Roman bietet dem Leser wirklich alles, was man sich als Fan des Genres wünschen kann: unheimliche Wälder, Nebel in England, verschlüsselte Botschaften, verschrobene Detektive und jede Menge Wahnsinn.

Fazit: Eine Leseempfehlung für Sherlock-Holmes-Fans, Gothic-Liebhaber und alle, die gerne ins viktorianische England eintauchen.

Leseprobe unter http://www.buchhandlung-am-riedberg.de/shop/item/9783404169740

Rezension: Inspector Swanson und der Magische Zirkel

Marley_Swanson_3_Zirkel_72dpi_RGBAutor: Robert C. Marley. Erschienen im Dryas Verlag (http://www.dryas.de/), Taschenbuch (ISBN 978-3-940855-64-0) oder E-Book (ISBN978-3-941408-82-1).

Erster Satz: Draußen vor dem Sprossenfenster fiel leise der Schnee.

Ende des 19. Jahrhunderts ist die große Zeit der Varietés und der Show-Magier, deren berühmtester Vertreter, Harry Houdini, Menschenmassen in Atem hielt. Die Zauberei ist eine der heimlichen Leidenschaften von Scotland Yards Chief Inspector Swanson. Als er sich mit seiner Frau einen freien Abend gönnt, um die Vorstellung des großen van Dyke zu besuchen, kommt es zu einem Zwischenfall. Bei einer Entfesselungsnummer hat der sich in einen Wasserbottich einsperren lassen, doch das Schloss ist blockiert. Van Dyke kann gerade noch in letzter Sekunde gerettet werden. Zufall oder ein Anschlag auf sein Leben?

Swanson nimmt die Ermittlungen auf. Es ist sein dritter Fall nach „Inspector Swanson und der Fluch des Hope Diamanten“ und „Inspector Swanson und der Fall Jack the Ripper“. Unterstützt wird er wieder vom unerschütterlichen Sergeant Phelps und seinem Freund Sir Frederick Greenland – dessen Freund Oscar Wilde wiederum es nicht lassen kann, sich ebenfalls in diesen Fall einzumischen.

Ein Hinweis: Da ich für den Verlag arbeite, in dem das Buch erschienen ist, ist diese Rezension sicher voreingenommen. Aber dieser Roman ist eine Entdeckung, die ich Fans viktorianischer Krimis nicht vorenthalten will.

Lesenswert ist der Roman vor allem wegen der vielen Details über das Leben im viktorianischen London, die der Autor zusammengetragen hat und nebenbei in den Roman einfließen lässt. Dinge wie die Ausstattung der damals nagelneu eingerichteten Pathologie, die man mit zu wenig Personal in den Keller des Yard verbannt hatte. Oder dass Varieté damals ein durchaus elitäres Vergnügen war – zwei Karten für die Show kosten einen Chief Inspector sein halbes Monatsgehalt.

Großartig ist auch der Erzählstil des Autors. Er folgt abwechselnd unterschiedlichen Personen des Romans, wobei jede eine ganz eigene Art hat, die Welt zu betrachten. Wie ein Puzzle fügen sich so die Teile des Falls nach und nach ineinander. Durch den gesamten Roman zieht sich ein trockener, sehr britischer Humor, sodass man als Leser oft leise in sich hineinlachen muss.

Fazit: Sehr viktorianisch, sehr spannend und sehr empfehlenswert.

Leseprobe: http://www.dryas.de/baker-street/inspector-swanson-und-der-magische-zirkel

Rezension: „Der Tod kommt nach Pemberley“

PemberleyAutor: P.D. James. Erschienen im Droemer Verlag (http://www.droemer-knaur.de/), Hardcover (ISBN 978-3-426-19962-6), Taschenbuch (ISBN 978-3-426-30413-6) oder E-Book (ISBN 978-3-426-41906-9). Übersetzt von Michaela Grabinger.

Erster Satz: Unter der weiblichen Bewohnerschaft von Meryton herrschte Einvernehmen darüber, dass Mr. und Mrs. Bennet von Longbourn bei der Verheiratung von vieren ihrer fünf Töchter Glück gehabt hatten.

Schon der erste Satz zeigt es deutlich: In diesem Buch weht durch jede Seite der Geist von Jane Austen. Die Autorin hat hier kein leichtes Erbe angetreten – aber Hut ab, es ist ihr gelungen.

Elizabeth Bennet und Fitzwilliam Darcy heiraten und ziehen in Darcys Landsitz Pemberley. So endet „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen. Und wie bei vielen Liebesgeschichten ist auch diese damit erzählt. Dachte Jane Austen. Aber eine nicht unbekannte Krimi-Autorin, Phyllis Dorothy James, Baroness James of Holland Park und Schöpferin von Commander Adam Dalgliesh („Ein Spiel zuviel“), wollte den beiden die Ruhe nicht gönnen. Und so geraten Mr. und Mrs. Darcy in die Ermittlungen eines Mordfalls. Im Park von Pemberley geschieht ein Mord. Der Hauptverdächtige ist Wickham. Genau, ebendieser Wickham, der sich bereits in „Stolz und Vorurteil“ nicht gerade positiv hervortut, als er erst die Schwester von Darcy entführen will und es ihm dann mit der Schwester von Elizabeth auch gelingt.

P.D. James ist es großartig gelungen, den Faden wieder aufzunehmen. Auch wenn es sich bei ihrem Roman um einen Krimi und nicht um eine Liebesgeschichte handelt, so nehmen doch auch hier die gesellschaftlichen Gepflogenheiten und deren Befolgung oder Missachtung den wichtigsten Platz ein. Wie geht man gesellschaftlich damit um, dass auf dem eigenen Grundstück ein Mord passiert ist? Was bedeutet das für die Freunde und Angehörigen? Was für die Dienerschaft? Im Buch wird im Detail eine Gesellschaft beschrieben, in der jeder seinen Platz hat und man sich nie allein definiert, sondern immer nur anhand der Rolle, die man im Gesamtgefüge spielt.

Der Roman der im Jahre 2014 verstorbenen Autorin entstand 2011. Und ohne irgendwelche Einschränkungen kann man sagen, dass sie Ton und Stimmung perfekt getroffen hat. Ob es vielleicht interessant gewesen wäre, dem Ganzen einen moderneren Ansatz zu geben, ist fraglich. Denn offensichtlich war dies nicht die Absicht der Autorin, und daher liest sich das Buch genauso klassisch wie ein Werk von Jane Austen.

Fazit: Ein absolutes Muss für Jane-Austen-Fans! Wer deren Stil nicht mag oder „Stolz und Vorteil“ nicht kennt, wird weniger Freude damit haben.

Leseprobe unter: http://www.droemer-knaur.de/buch/7985714/der-tod-kommt-nach-pemberley

Das schönste E-Book Deutschlands

Dr. Marlies Michaelis
Dr. Marlies Michaelis

Auf der Buchmesse 2015 wurden wieder die ästhetisch und kreativ beeindruckendsten E-Books aus dem deutschsprachigen Raum prämiert (mehr zum eBook Award). Gewonnen hat der Krimi „Nichts ist, wie es ist“ aus dem Cividale Verlag Berlin. Die Verlegerin Dr. Marlies Michaelis hat mir freundlicherweise ein paar Fragen zum Buch und dessen Produktion beantwortet, und auf einmal wird klar, wie viel Arbeit in einem richtig schönen E-Book steckt:

Miss Eyre: Worum geht es in dem Siegertitel „Nichts ist, wie es ist“?
Dr. Marlies Michaelis:
Bei „Nichts ist, wie es ist. Kriminalrondo“ von Elke Heinemann geht es um einzelne Kriminal-Motive, die sprachlich-künstlerisch umkreist werden. Schon die Formulierung, dass es um etwas geht, führt in die Irre. Themen werden nur angedeutet, Tatorte und Motive umkreist, ohne dass es eine nachvollziehbare Handlung gibt. Die Fließtexte werden immer wieder von Gedichten – den Sirenengedichten – unterbrochen, welche die Lesenden irritieren und entzücken. Der Text ist ein literarisches Kunstwerk, dem etwas Mysteriöses anhaftet. Dieses Rätselhafte wird durch die Fotogramme der Fotografin Manuela Höfer noch verstärkt.

Miss Eyre: Wie kam es zu der Idee des enhanced E-Books?
Dr. Marlies Michaelis:
Im letzten Jahr wollte ich von Verlagsseite aus neben den „normalen“ E-Books und gedruckten Büchern auch ein multimediales, ein enhanced E-Book publizieren. Ich wollte wissen, was in dieser Buchform möglich ist. Während diese Idee in mir herumwaberte, lernte ich die Autorin Elke Heinemann kennen, die mir verschiedene Krimistücke zu lesen gab. Von „Nichts ist, wie es ist. Kriminalrondo“ war ich sofort begeistert. Die Texte sind recht kurz und können in beliebiger Reihenfolge gelesen werden. Dazu haben sie ganz eigene Klang- und Bildebenen. Aus meiner Sicht war es daher geradezu zwingend, die Texte in einem multimedialen Buch umzusetzen. Hinzu kam, dass die Autorin mir erzählte, sie wünsche sich für eine Umsetzung, dass die lineare Abfolge, die in einem gedruckten Buch ja unvermeidlich gegeben ist, aufgebrochen werden könne. Das konnte ich mir bei einer multimedialen Umsetzung gut vorstellen. Dann haben wir die Künstlerin Manuela Höfer hinzugezogen, die sofort damit einverstanden war, ihre Fotogramme dem Text als Begleitung beizugeben. Die klanghaften Ebenen des Textes konnten in den Tonstudio-Aufnahmen, die Elke Heinemann begleitet hat, ausgearbeitet werden.

Miss Eyre: Wer war für die technische Umsetzung des E-Books zuständig?
Dr. Marlies Michaelis: Basis für die technische Umsetzung war das Feinkonzept des Producers Matthias Liesendahl. Er hat die Bearbeitung der Materialien sowie das Layout der einzelnen Abschnitte vorgenommen. Die technische Umsetzung hat dann Guido Stemme von bureau23 vorgenommen – er hat aber nicht nur programmiert, sondern auch beraten. Und ganz häufig haben wir darüber diskutiert, wo die Grenzen des Buches liegen, ob das multimediale Projekt noch ein Buch ist oder (schon) etwas anderes. Und natürlich haben wir über die verschiedenen Möglichkeiten diskutiert, einzelne Passagen umzusetzen.

Miss Eyre: Wie lange hat die Umsetzung gedauert und welche besonderen Hürden gab es dabei?
Dr. Marlies Michaelis: Die Umsetzung hat insgesamt ein halbes Jahr gedauert. Anfangs dachte ich noch, dass das Ganze als App umgesetzt werden müsste. Das war mir aber nicht so ganz recht, weil der Vertrieb dann auf die beiden großen Shops – den von iTunes und Google Play – beschränkt gewesen wäre. Im Rahmen der Umsetzung habe ich dann die verschiedenen technischen Umsetzungsmöglichkeiten geprüft und erfahren, dass auch das übliche ePub-Format in der neuesten Version ePub 3 multimediale Inhalte umfassend darstellen kann und über das fixed Layout auch eine Kontrolle über die Seitengestaltung ermöglicht. Dieser Entscheidungsschritt – weg von der App-Idee hin zum offeneren Format ePub 3 – war eine von zwei Hürden. Die zweite Hürde bestand in der Auflösung des Linearen. Das war technisch mit ePub 3 kein Problem. Statt eines linearen Inhaltsverzeichnisses gibt es nun einen sich drehenden Kreis aus Abbildungen. Schwierig war, die Gewohnheit zu überwinden, dass ein Text komplett linear aufgebaut sein muss. Ein klein wenig Linearität ist auch geblieben – man kann immer noch per Wischen auf dem Tablet vor- und zurückblättern oder wahlweise den drehenden Kreis zur Navigation nutzen. Richtig mutig wäre es gewesen, auch diesen Halt an das Gewohnte – das Wischen als Ersatz für das Blättern – zu kappen. Aber das erschien mir dann doch zu experimentell.

Vielen Dank für das Gespräch an Dr. Marlies Michaelis vom Cividale Verlag!

Rezension „Inspector Swanson und der Fall Jack the Ripper“

Marley_Inspector_Swanson_Ripper_RGB_72dpiAutor: Robert C. Marley. Erschienen im Dryas Verlag (www.dryas.de), als Taschenbuch (ISBN: 978-3-940855-59-6) und E-Book (ISBN: 978-3-941408-80-7).

Der erste Satz: Mr. John Saunders Reeves krempelte die abgewetzten Ärmel seines fadenscheinigen blauen Hemds herunter und stand vom Küchentisch auf.

Im zweiten Band der Reihe um Chief Inspector Donald Swanson trifft dieser nun seine Nemesis, den „Whitechapel-Mörder“, besser bekannt als „Jack the Ripper“. Der Roman beruht auf Tatsachen, denn es war wirklich Inspector Swanson, der 1888 die Ermittlungen in diesem Fall führte und die unterschiedlichsten Hypothesen rund um die Morde prüfen musste. So ist dieser Roman sowohl ein spannender Krimi als auch eine Beschreibung der historischen Ermittlungsarbeit. Bereits 1888 hatte jeder, der etwas auf sich hielt, seine eigene Erklärung für die Morde – und Swanson wurde wohl oder übel damit konfrontiert. Auch mit Thesen wie der des entflohenen Orang-Utans, der für die Taten verantwortlich sein sollte. So haarsträubend das auch klingt, dies war das tatsächlich eine der Spekulationen, die damals angestellt wurden.

Was diesen Roman besonders macht, sind die wunderbar in die Handlung eingewebten historischen Details. Sie erwecken die Epoche mühelos zum Leben und lassen den Leser in die Ermittlungen eintauchen. Wie zum Beispiel der Platzmangel in der noch relativ neuen Behörde Scotland Yard kurz vor ihrem Umzug in ein größeres Gebäude. Die Akten stapeln sich auf der Treppe, in den freien Ecken sitzen Constabler und arbeiten oder ruhen sich vom Dienst aus. Egal ob Besenkammer oder Toilette, alles wird zum Büro umfunktioniert. Und dazu kommt noch eine neue Abteilung, die Spurensicherung, mit ihren von den Kollegen skeptisch beäugten modernen Methoden.

Auch heute noch werden in schöner Regelmäßigkeit Thesen veröffentlicht, wer denn nun Jack the Ripper gewesen sein mochte. Doch bisher gibt es keine, die allen Gegenargumenten standgehalten hätte – außer vielleicht die des Autors Robert C. Marley, seit langem Mitglied der Jack the Ripper Society, die sich der Lösung dieses Falles widmet.

 

Fazit: Ein Krimi zum Eintauchen in einen komplexen Fall und eine spannende Epoche.

Rezension „Gloria und die Liebenden von Verona“

Klaus_Gloria_Verona_72dpi_RGBAutorin: Marlene Klaus. Erschienen im Dryas Verlag (www.dryas.de), als Taschenbuch (ISBN: 978-3-940855-58-9) und E-Book (ISBN: 978-3-941408-81-4).

Der erste Satz: Die Straße war schlecht, wie alle Straßen, die sie seit ihrer Abreise aus England vor zwei Monaten befahren hatten.

Gloria hat kein Glück in der Liebe. Doch was hilft bei Liebeskummer? Eine lange Reise, davon ist zumindest ihre Tante überzeugt und nimmt ihre Nichte daher mit nach Italien. Für das 19. Jahrhundert durchaus eine längere Reise, deren erste Station Verona sein soll. Und ausgerechnet in der Stadt Romeos und Julias holt Gloria das Thema Liebe wieder ein, allerdings in eher krimineller Form. Sie wird von einer jungen Italienerin um Hilfe gebeten, da ihr Freund nach einem Duell verschwunden und dessen Mit-Duellant tot ist. Gloria stellt bald fest, dass die Lage der Dinge nicht so offensichtlich ist, wie sie zu sein scheint, und beginnt nachzuforschen – wobei ihr eine Reisebekanntschaft, Lord Alexander, zu Hilfe kommt. Auch Alexander hat nicht viel Glück in der Liebe, und schon bald geraten die beiden Dickköpfe aneinander.

Der Roman macht es dem Leser einfach, in den Fall und die Epoche einzutauchen. Genau recherchierte historische Details machen das Verona des 19. Jahrhunderts und die Reisebedingungen der Zeit lebendig. Und ein nicht leicht zu lösendes Verbrechen hält den Leser in Atmen. Charmant ist dabei natürlich der Bezug zur Liebesgeschichte von Romeo und Julia, die Parallelen zum aktuellen Fall sind eindeutig. Aber das Glanzlicht des Buches sind die Figuren und deren Zusammenspiel. Gloria wächst einem sofort ans Herz und ebenso die lebenserfahrene Tante Jo. Die Dialoge sind wunderbar pointiert und geben dem Buch Tempo und den Figuren Charakter.

Fazit: Ein viktorianischer Krimi mit Witz, Spannung und Eloquenz.

Rezension „Das Gesicht des Fremden“

Cover "Das Gesicht des Fremden"
Autorin: Anne Perry. Erschienen bei Goldmann (www.randomhouse.de/goldmann), leider nur noch als E-Book erhältlich, ISBN E-Book 978-3-641-12735-0.

Der erste Satz: Er öffnete die Augen und sah nichts als fahles Grau über sich, eintönig wie ein Winterhimmel, bleiern und bedrohlich.

Anne Perry ist zweifelsohne eine Galionsfigur des historischen Krimis. Das 19. Jahr-hundert ist ihr Thema, und kaum ein Krimi-Leser ist nicht schon einmal über ihre Pitt-Reihe gestolpert. Weniger bekannt ist ihre Reihe rund um den ehemaligen Polizei-inspektor William Monk, der oft mit der Unterstützung der Krankenschwester Hester Latterly ermittelt.

Obwohl Perry mit der Reihe bereits in den 90er Jahren begonnen hat, weist Monk alle Charakteristika des heutzutage beliebten Detektiv-Typen auf: Er ist arrogant, kein ein-facher Mensch, hat nur wenige Freunde, ist ehrgeizig und dabei nur selten dip-lomatisch. Was schließlich auch Gründe dafür sind, dass er seinen Job bei der Polizei verliert und sich danach als selbstständiger Ermittler über Wasser halten muss.

Was die Konstellation in diesem Fall ungewöhnlich macht, ist der Ausgangspunkt. Die Reihe beginnt mit einem Unfall Monks, bei dem er sein Gedächtnis verliert. Er kann sich an überhaupt nichts mehr erinnern, selbst sein Gesicht im Spiegel ist ihm fremd. So muss er nicht nur Fälle lösen, sondern auch versuchen, seinem alten Ich auf die Spur zu kommen, denn niemand soll merken, was passiert ist. Je mehr er dabei von sich selbst entdeckt, desto unsympathischer wird er sich selbst.

Gleich bei seinem ersten Fall – ein junger Adeliger wird in seiner Wohnung erschlagen – begegnet er bei den Ermittlungen der Krankenschwester Hester Latterly, die ihn mit ihrer Intelligenz und ihrem Selbstbewusstsein gleichzeitig fasziniert und verrückt macht. Eine einfache Liebesgeschichte ist jedoch bei zwei Charakteren mit derartigem Dickkopf nicht zu erwarten, so viel sei schon einmal verraten.

Die Reihe rund um Monk und Latterly ist inzwischen bei Band 20 angekommen („Das Grab in der Themse“) und die Fälle bleiben gut gestrickt, zumindest ich konnte nur selten den Täter erraten. Genau das Richtige für alle, die bei Krimis auch gerne etwas zum Rätseln haben. Außerdem fasziniert das detailreiche Sittengemälde der Epoche, immer wieder werden Standesunterschiede oder Frauenrechte thematisiert, und selbst Monk kann sich nicht vom Denken seiner Zeit befreien.

Ebenfalls historisch interessant ist der Hintergrund des eben zu Ende gegangenen Krimkrieges. Seine Folgen spiegeln sich sowohl in der Krankenpflege als auch im Ego der herrschenden Klasse des Britischen Weltreichs wider. Ein bisschen zu genau ist Frau Perry, wenn es um Stoffe und Kleiderschnitte geht – teilweise haben diese etwas mit der Figurencharakterisierung zu tun, aber teilweise merkt man hier einfach nur, wie tief die Autorin in das Thema eingetaucht ist und wie dringend sie diese Informationen loswerden will.

Leseprobe unter: www.ebook.de/de/product/21677876/
anne_perry_das_gesicht_des_fremden.html

Fazit: Großartiges Lesefutter für Fans der Epoche mit einem unbequemen Protagonis-ten, der den Leser aber leicht in seinen Bann zieht.

[Tweet „Buchtipp für Fans viktorianischer Krimis, @Eyre_und_Mops“]

Rezension „Stadt in Angst“

Stadt in Angst von John MatthewsAutor: John Matthew (übersetzt aus dem Englischen von Andreas Jäger). Erschienen 2014 auf Deutsch im Page & Turner Verlag, ISBN Taschenbuch 978-3-442-20438-0, ISBN E-Book 978-3-641-14342-8, Original erschienen 2013 im Verlag Exhibit A unter dem Titel „Letters from a Murderer“

Der erste Satz: Als Camille das Lokal betrat, fasste sie sofort den Mann hinter dem Tresen ins Auge.

Eine brutale Mordserie an Prostituierten hält New York 1891 in Atem. Das Muster der Morde erinnert an die Verbrechen von Jack the Ripper ungefähr 10 Jahre zuvor in London. Mit den Ermittlungen wird der New Yorker Polizist Joseph Argenti beauftragt, der Sohn armer italienischer Einwanderer, der sich hochgearbeitet hat. Da die Fälle denen in London gleichen, bekommt er den Kriminalanalytiker Finley Jameson als Unterstützung an die Seite gestellt. Jameson war bereits an den Ermittlungen in London zu den Ripper-Morden beteiligt. Er stammt aus der englischen Oberschicht, wurde aber von seiner Tante in New York großgezogen. Seine Studienzeit verbrachte er in London, wo er über seinen Professor in die Ermittlungen involviert wurde. Inzwischen lebt er wieder in New York.

Der Gedanke des Autors war es wohl, wie in vielen aktuellen Krimiserien, ein sehr gegensätzliches Ermittlerpaar an einen komplizierten und emotional aufreibenden Fall zu setzen, um so neben der Spannung des Falls selbst auch eine Spannung zwischen den Figuren zu erzeugen. Der Fall ist in der Tat spannend, ein Aspekt hierbei sind die regelmäßigen Briefe, die der mutmaßliche Ripper an die Zeitung schickt und in denen er sich über die Ermittlungen lustig macht. Durch die Briefe werden die Ermittlungen immer wieder vorangetrieben und sie geben dem Buch auch den englischen Originaltitel „Letters from a Murderer“.

Was meines Erachtens jedoch leider gar nicht funktioniert, ist das Ausspielen der gegensätzlichen Charaktere der Ermittler. Zwar wird erwähnt, dass Argenti Jameson zunächst nicht so sympathisch findet, und auch bei ihrer ersten gemeinsamen Befragung findet er dessen Verhalten mehr als nur seltsam, aber damit ist dieser Aspekt auch schon im Wesentlichen abgefrühstückt. Die beiden Ermittlerfiguren bleiben sehr blass, was meiner Meinung nach daran liegt, dass erst sehr spät auch auf Jamesons Gefühle und Einstellungen eingegangen wird.

Die Ripper-Morde in New York haben allerdings einen historischen Hintergrund. 1891 wurde in Manhattan eine ermordete Prostituierte gefunden, die ähnlich verstümmelt war wie die Opfer in London. Die Londoner Polizei schloss damals jedoch einen Zusammenhang aus.

Leseprobe: http://www.randomhouse.de/Paperback/Stadt-in-Angst-Historischer-Kriminalroman/John-Matthews/e446016.rhd

Fazit: Ein solide und spannend konstruierter Fall mit für mich leider zu blassen Hauptfiguren.

Rezension: Der Teufel von New York

cover_teufelvonnewyorkAutorin: Lindsay Faye
Erschienen bei dtv (www.dtv.de), ISBN Taschenbuch 978-3-423-24993-5, ISBN E-Book 978-3-423-42043-3, ISBN Hörbuch 978-3-86231-319-8 (erschienen bei Der Audio Verlag)

Der erste Satz: Als ich an meinem Schreibtisch im Gefängnis The Tombs den ersten Bericht verfasste, begann ich so: In der Nacht des 21. August 1845 entfloh eines der Kinder.

Der Erzähler, Timothy Wilde, verliert bei einem Brand seinen Besitz und seine Arbeit. Sein Bruder Valentine, ein wichtiges Mitglied der Demokraten und somit Gast auf vielen Hochzeiten, organisiert ihm eine Anstellung als Polizist der 1845 neu gegründeten New Yorker Polizei. Eine Institution, der allerdings nur Ablehnung entgegengebracht wird; die New Yorker wollen sich nicht überwachen lassen und die meisten Polizisten standen vorher auf der anderen Seite des Gesetzes, sind daher nicht wirklich vertrauenswürdig. So nimmt Timothy den Job auch eher widerwillig an. Doch dann läuft ihm eines Nachts ein kleines Mädchen in einem blutbeschmierten Nachthemd in die Arme. Was die Kleine gesehen hat, ist nicht viel und es scheint unglaubwürdig, aber das Blut ist real und es ist nicht von ihr. Das Geheimnis lässt Timothy keine Ruhe. Er beginnt zu ermitteln.

Das Buch beginnt mit einem Rückblick auf den Brand, der die Ursache für Timothys neuen Job war. Ich hatte beim Lesen etwas Mühe, bei der Vielzahl an Figuren, Orten und Einrichtungen, Sympathie für den Erzähler zu entwickeln. Wem es auch so geht, dem sei unbedingt empfohlen weiterzulesen. Timothy ist ein sehr spröder Mensch, der einem aber im Laufe des Falles ans Herz wächst und in den man sich immer besser hineinfinden kann. Ein genialer Ermittler, der ohne jegliche Allüren auskommt.

Seine Ermittlungsarbeit ist daher solide und immer gut nachvollziehbar, es tauchen keine Figuren aus dem Nichts auf und im Prinzip war alles, was man wissen musste, schon von Anfang an bekannt – also ein handwerklich überaus gekonnt gestrickter Fall. Trotzdem kommt die Lösung überraschend und sieht anders aus, als in Krimis üblich. Also ein Buch, dass man besonders auch Krimi-Kennern empfehlen kann.

„Der Teufel von New York“ ist übrigens der erste Fall von Timothy Wilde, der zweite Roman ist bereits bei dtv erschienen und trägt den Titel „Die Entführung der Delia Wright“.

Fazit: Ein spröder Ermittler, der nach und nach seine Seele enthüllt und Morde mit unerwarteter Auflösung.

Rezension: Teufelsgrinsen

cover_teufelsgrinsenAutorin: Annelie Wendeberg. Erschienen bei Kiepenheuer und Witsch (www.kiwi-verlag.de), ISBN Taschenbuch 978-3-462-04643-4,ISBN E-Book 978-3-462-30772-6

Der erste Satz: Endlich finde ich die Ruhe, das niederzuschreiben, was enthüllt werden muss.

Um Ende des 19. Jahrhunderts in London als Arzt anerkannt zu werden, übt Anna Kronberg den Beruf als Mann verkleidet aus. Als Dr. Anton Kronberg, angesehener Epidemiologe, wird sie zu einem rätselhaften Leichenfund gerufen – und trifft dort auf Sherlock Holmes. Holmes durchschaut ihre Verkleidung und ist fasziniert von ihrem messerscharfen Verstand. Gemeinsam beginnen sie zu ermitteln und gehen sich gegenseitig sehr wohl auf die Nerven, was zu witzigen Dialogen führt. Schlussendlich siegt aber der gegenseitige Respekt.

Der Fall ist spannend, das Buch gewinnt aber vor allem durch die Figurenkonstellation – zwei sehr spröde, brillante Köpfe, die nur gemeinsam weiterkommen, aber eigentlich am liebsten allein arbeiten. Was mich persönlich am Anfang lange hat zögern lassen, das Buch in die Hand zu nehmen, ist das inzwischen schon sehr oft gebrauchte Motiv der Frau, die sich als Mann verkleiden muss, um in der Männergesellschaft zu bestehen. Das ist aber Geschmackssache, und so, wie es in die Geschichte integriert ist, ist es glaubwürdig.

Sehr viel schwieriger war die Aufgabe, die sich die Autorin gestellt hat, indem sie zwei so ähnliche Charaktere zu Hauptfiguren machte – Anna und Sherlock, zwei intelligente, aber sehr eigenwillige Figuren. Wunderbar gelöst hat sie das Problem jedoch dadurch, dass sich beide mit ihrer jeweiligen Art, die der eigenen ja sehr ähnlich ist, auf die Nerven fallen. Eine sehr schöne Idee, die überaus gut funktioniert.

„Teufelsgrinsen“ war nicht der letzte Fall des Duos, Teil zwei ist bereits unter dem Titel „Tiefer Fall“ erschienen.

Fazit: Eine gut erzählte Geschichte, die von dem Ermittlerduo lebt. Das Motiv, der Frau, die sich als Mann verkleidet, um beruflich weiter zu kommen, ist zwar nicht neu, aber sehr lesenswert umgesetzt.