Fan-Fiction in der chinesischen U-Bahn

In der U-Bahn in Peking (Foto: Jannis Radeleff)
U-Bahn Fahrer in Peking (Foto: J. Radeleff)

China ist groß. Das weiß man zwar, aber wie groß, wird einem erst vor Ort bewusst. Zum Beispiel, wenn man mit einer chinesischen Studentin spricht, die erzählt, dass sie aus einer kleinen chinesischen Stadt kommt. Auf meine Nachfrage, wie klein die Stadt denn sei, antwortet sie: „Nur 7 Millionen Einwohner.“ Gut, ich komme aus einer großen deutschen Stadt – zumindest behauptet Frankfurt das von sich –, die aber noch nicht einmal eine Million Einwohner zählt.

Wenn man nun einmal überlegt, wie lange U-Bahn-Fahrten in dieser „großen“ deutschen Stadt dauern können, und das dann auf eine Stadt wir Peking überträgt, kann man sich vorstellen, wie viel Zeit dort im Schnitt in der U-Bahn verbracht wird. Vor allem, da Peking seine U-Bahn gerade auch in die außerhalb gelegenen Bezirke erweitert, als eine der Maßnahmen, dem Smog in der Stadt beizukommen.

In einer aktuellen Studie fand die Chinesische Akademie für Presse und Publikationen heraus, dass 58,1 Prozent der chinesischen Erwachsenen 2014 digital gelesen haben (http://german.china.org.cn/culture/txt/2015-04/22/content_35389787.htm). Ich bin mir sicher, ein großer Teil der Lesezeit in chinesischen Großstädten fand in der U-Bahn statt. 33,82 Minuten soll laut Umfrage auf dem Smartphone gelesen worden sein.

Das Smartphone ist für U-Bahn-Fahrten ein beinahe unumgängliches Utensil zum Zeitvertreib, egal ob für Bücher, Filme oder Spiel. Kaum einer, der sich während der Fahrt nicht damit beschäftigt. Am liebsten mit einem iPhone 6, natürlich in Gold. Blöd ist nur, dass der Akku, der mitgetragen wird, oft größer ist als das Gerät. Trotzdem ist der Apple-Hype ungebrochen und Apple-Stores brechend voll. Aber Samsung zieht nach und eröffnet Apple-ähnliche Flagshipstores in den großen Fußgängerzonen der chinesischen Republik. Wobei Android-Systeme durch die Sperrung von Google und somit auch des Google Play Stores einen gewissen Nachteil mit sich bringen.

Übrigens: Ein Vorteil des Handys im Vergleich zum Buch in chinesischen U-Bahnen ist das „taschenlose“ Reisen. Vor dem Betreten einer U-Bahn-Station muss man durch den Security Check und jede Tasche bzw. jeder größere Gegenstand muss durch die Röntgenröhre. Wer aber keine Tasche bei sich trägt, kann die Schlange vor dem Gerät vermeiden und den „taschenlosen“ Durchgang an der Seite nehmen.

Und was wird auf dem Smartphone in der U-Bahn gelesen? Der Erfolg von Autoren wie Tang jia San Shao zeigt es: Fan-Fiction. Die Leser wünschen sich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit und jeden Abend bei der Rückfahrt neue Texte. Das sind jeden Tag 7.000 bis 8.000 Wörter, so Tang jia San Shao. Der Verdienst liegt bei etwa einem US-Cent pro 1.000 Wörter (http://fantasy-faction.com/2014/fantasy-ebooks-big-in-china).

Gemeinsam gelesen – Mein-Literaturkreis.de als Anlaufstelle für Lesekreise

Druck Lesen ist eine einsame Tätigkeit. Man taucht in die Geschichte ein, folgt ihr, lässt sich auf die Welt der Geschichte ein und entwickelt Ideen und Bilder. Wenn am Ende die Buchdeckel zugeklappt werden und die Geschichte nachwirkt, haben viele Leser das Bedürfnis, ihre Eindrücke zu teilen und neue Gedanken mit anderen auszudiskutieren. So entstehen, seit es Literatur gibt, Lesekreise. Schon von der Dichterin Sappho wird überliefert, dass sie gemeinsam mit anderen über Gelesenes diskutierte. Diese Tradition hat sich über die Jahrhunderte hinweg über viele berühmte Literatursalons fortgesetzt und wird bis heute in zahlreichen Literaturkreisen weitergeführt.

So möchte ich in diesem Beitrag ein Start-Up vorstellen, dass sich online einem Offline-Thema widmet, nämlich die Seite www.mein-literaturkreis.de. Gründerin des Portals ist Kerstin Hämke, die selbst seit 14 Jahren Mitglied eines Literaturkreises und passionierte Leserin ist. Ihre schön gemachte und klar strukturierte Seite hat mich sofort überzeugt, weswegen ich mich freue, sie in meinem Blog vorstellen zu können.

Die Seite soll eine Anlaufstelle für Literaturkreise werden. Das Hauptanliegen hierbei ist natürlich das Vorstellen möglicher Bücher für Literaturkreise. Denn die richten sich bei der Auswahl ihrer Lektüre nicht unbedingt nach den gängigen Bestsellerlisten. Im Gegenteil, oft werden ältere Titel bevorzugt, verrät Hämke, da es diese als günstigeres Taschenbuch gibt.

Neben den Buchtipps bietet das Portal auch Starthilfe für Literaturkreise. Dort finden Interessenten Infos zur Vorgehensweise bei der Gründung und Tipps für interessante Aktionen. Außerdem werden Literaturkreise vorgestellt. Und schließlich finden Neugierige auf der Seite auch noch aktuelle Informationen rund um die Literaturbranche, wie z.B. Messetermine.

Eine schöne Idee, die eine ansprechende Form gefunden hat – daher Hut ab vor der Gründerin. Diese durfte ich mit einigen Fragen zu ihrem Projekt löchern. Hier ihre Antworten:
Businessportrait Kerstin HŠmke

  1. Wo findest du die empfohlenen Bücher?

Die besten Bücher für Literaturkreise sind gut geschrieben und beinhalten ein Thema, über das man angeregt und – idealerweise – kontrovers diskutieren kann. Die üblichen Bestsellerlisten sind bei der Suche nach diesen Büchern selten hilfreich: Oft sind die Bücher, die den Massengeschmack treffen, inhaltlich seicht und stilistisch mittelmäßig. Und teuer, weil bei Erscheinen oft nur gebunden erhältlich. Literaturkreismitglieder lesen viel und entscheiden sich daher fast immer für eine Lektüre, die bereits als preiswerteres Taschenbuch erhältlich ist.

Die Bücher, die wir empfehlen, finden aus unterschiedlichen Quellen ihren Weg auf unsere Webseite: Wir informieren uns in den Verlagsvorschauen und auf Buchmessen. Verlage machen uns auf eventuell passende Neuerscheinungen aufmerksam. BuchhändlerInnen nennen uns ihre Lieblingsbücher. Und immer wieder erhalten wir Buchvorschläge von Besuchern der Webseite.

Für alle Bücher aber gilt: Bücher, die wir auf der Webseite für eine Diskussion in Lese- oder Literaturkreisen vorschlagen, sind von Lesekreismitgliedern gelesen und für gut befunden worden. Viele habe ich selbst gelesen; zusätzlich werde ich von befreundeten Literaturkreisen und deren Mitgliedern bei der Auswahl unterstützt.

  1. E-Book oder gedruckt, was ist dir lieber?

Das kommt auf die jeweilige Lesesituation an.

Bücher für die Webseite oder meinen privaten Literaturkreis lese ich immer auf Papier. Ein gedrucktes Buch hat Seitenzahlen und erleichtert so beispielsweise das Wiederfinden von Textstellen, die man in der Gruppe diskutieren möchte. Auch kann man ein physisches Buch gut weitergeben. Das ist hilfreich, wenn ich eine zweite Meinung zur Aufnahme eines Buches auf die Webseite einholen möchte.

Auf Reisen und in den Urlaub nehme ich gerne meinen E-Reader mit. So kann ich viel lesen, ohne gleich einen eigenen Koffer für die Urlaubslektüre mitnehmen zu müssen. Und eine eingebaute Leselampe ist im elektronischen Lesegerät auch dabei.

Auf längeren Autofahrten greife ich gerne zum Hörbuch. Natürlich nur, wenn dieses das geschriebene Buch ungekürzt wiedergibt, was leider nicht immer der Fall ist.

  1. Als Leseratte – wie viele Bücher liest du in etwa im Jahr?

Leider viel weniger, als ich gerne lesen würde. Im Durchschnitt etwa ein Buch pro Woche.

Die unbegrenzte Auswahl: EBook-Flatrates

ebookreaderEs soll Menschen geben, die träumen davon, nachts einmal in einer Bibliothek oder einem Buchladen eingeschlossen zu werden. Ich muss gestehen, ich gehöre dazu, am besten in einen Buchladen mit Café und Confiserie.

Ebendieser Wunschvorstellung kommen E-Book-Flatrates entgegen. So viele Bücher, wie man nur lesen kann, einfach auf Knopfdruck. Flatrates – ein Service, der bei Musik, Hörbüchern und Filmen schon seit Langem angeboten wird, nur bei Büchern ist er noch nicht selbstverständlich.

Angebote in der Richtung gibt es allerdings in Deutschland schon, wie amazon Prime, wo aber nur ein Buch pro Monat kostenlos ausgeliehen werden darf. Dann natürlich die Online-Leihe der Stadtbibliotheken, d. h. als Nutzer einer an das System angeschlossenen Stadtbibliothek kann man EBooks ausleihen – falls diese nicht gerade von jemand anderem ausgeliehen sind, was den Spaß an der Sache deutlich verringert, da die interessanten Bücher leider meist schon verliehen sind. Ohne diese Restriktion kommt Skoobe aus (www.skoobe.de – „skoobe“ heißt „EBooks“, spiegelverkehrt geschrieben), eine erste klassische EBook-Flatrate, bei der monatlich unbegrenzt viele Bücher ausgeliehen werden können, allerdings immer nur fünf auf einmal.

Komplett kostenlos ist das Lesen von EBooks bei Readfy (www.readfy.com), insofern man sich nicht an der Werbung stört, die das Projekt finanziert. Ebenfalls kostenlos, dafür aber in der Auswahl auf gemeinfreie Klassiker beschränkt, das Projekt Gutenberg (http://gutenberg.spiegel.de/).

Und nun meldet sich Bastei Lübbe, der Verlag von Ken Follet, Dan Brown und Romanheft-Serien zu Wort. Auch dort möchte man eine Flatrate für E-Books ins Leben rufen, und zwar soll das EBook-Portal beam-ebooks.de dazu umgebaut werden. Denn, so die Vermutung, gerade für die Übertragung des Heftroman-Konzepts, welches den Verlag nach seiner Gründung groß gemacht hat, in die digitale Welt, ist eine Flatrate geradezu verpflichtend. Und auf beam eBooks wird es nicht nur das EBook, sondern auch gleich das Hörbuch als Flatrate geben. Geplant ist der Start für das Jahr 2016, zunächst einmal mit deutschen und englischen Inhalten, im Jahr 2017 kommen spanische Texte und 2018 Mandarin hinzu. Die ganze Welt auf einen Knopfdruck und die neuste Folge der Lieblingsserie zum Download.

Klingt verlockend, und das sind die derzeitigen Modelle für den Leser auch. Positiv ist also, dass solche Flatrates gefragt sind und es tatsächlich noch Menschen gibt, die davon träumen, mit unendlich vielen Büchern ihre Zeit zu verbringen. Weniger schön wird das Modell aber, wenn wir uns ansehen, was bei den Autoren finanziell hängen bleibt. Das kann sich jeder selbst ausrechnen, wenn er beispielsweise eine Flatrate für unter 10 Euro im Monat bucht und dafür fünf Bücher ausleiht, für die er beim Kauf insgesamt 50 Euro bezahlt hätte. Die Musikindustrie hat die Entwicklung ja bereits vorweggenommen – es wird eine winzige Elite gut bezahlter Autoren geben, deren Bücher nicht nur ausgeliehen, sondern auch gekauft werden. Und es wird viele, viele Autoren geben, für die das Schreiben eine Nebentätigkeit bleiben muss, unabhängig von ihrem Talent. Eigentlich war das die Situation, die man vermeiden wollte, als man sich das Urheberrecht ausdachte. Dies ist zwar weiterhin in Kraft, doch es hat nicht dazu geführt, dass das Produzieren von Kunst wie Arbeit bezahlt wird – leider!

Bücher mit Flügeln: die Worldreader App

Ohne Bücher das Lesen zu erlernen, ist schwierig. Das ist keine Behauptung, sondern eine Tatsache. Um lesen zu können, reicht es nicht aus, das jeweilige Schriftsystem des Landes verstanden zu haben, man muss auch üben. Und dazu benötigt man Geschriebenes. Der Zugang dazu stellt in Ländern mit guter Infrastruktur in der Regel kein Problem dar. Anders sieht es im Urwald Brasiliens oder in der Steppe Tansanias aus.

Leserin mit Smartphone. Copyright: www.worldreader.org
Leserin mit Smartphone. Copyright: www.worldreader.org

Der Transport von Büchern auf schlechten Straßen ist nicht einfach – vor allem, da Lebensmittel Vorrang haben. Aber Bücher sind nicht das Papier, auf dem sie gedruckt wurden, Bücher sind Ideen, und Ideen haben Flügel. Sie können über Funk- oder Satellitenverbindungen verschickt werden – die Grundidee der Worldreader App, die ich heute kurz vorstellen möchte: http://www.worldreader.org/.

Die Worldreader App existiert bereits seit 2009 und ist sie ein sehr schönes Beispiel, wie neue Möglichkeiten alte Probleme lösen können – und außerdem ein unterstützenswertes Projekt, dem ich hier gerne Platz einräume.

Ziel der Worldreader App ist es, eine möglichst einfache Plattform zu bieten, auf der kostenlos gelesen werden kann. Die Bücher, die dort zur Verfügung stehen, werden von Autoren oder Verlagen gespendet. Natürlich sinnvollerweise Werke in den Sprachen, die benötigt werden, weswegen sich auch keine deutschsprachigen Verlage und Autoren unter den Buchspendern befinden – aber vielleicht unter denen, die Geld gespendet haben, um das Projekt zu finanzieren.

Die App kann auf jedem internetfähigen Handy oder E-Reader heruntergeladen werden. Und einmalig alte Handys oder E-Reader an einen Ort mit Internetverbindung zu transportieren, ist einfacher, als regelmäßig Bücher vorzuhalten.

Ein interessanter Nebeneffekt der App, die nicht nur Leseanfängern genug Übungsmaterial zur Verfügung stellt und Lernenden Fachinformationen, ist ein neues Lesepublikum, das so erschlossen wird. Der Worldreader wird in 39 Ländern genutzt und 342.741 Personen lesen mindestens einmal im Vierteljahr damit. Kein kleines Publikum. Sicher, derzeit kein zahlendes Publikum und daher für Autoren und Verlage, die sich alle wirtschaftlich über Wasser halten müssen, nicht der wichtigste Markt. Aber vielleicht ist Literatur auf dem Smartphone für Regionen mit schlechter Infrastruktur ein Massenmarkt der Zukunft – denkbar wäre es.

Schließlich hat eine Studie der UN 2014 aufgezeigt, dass von sieben Milliarden Menschen auf der Welt sechs Milliarden Zugang zu einem Smartphone haben und die weltweite Netzabdeckung 95 % beträgt (http://unesdoc.unesco.org/images/0022/002274/227436e.pdf). Im Vergleich dazu haben nur 4,5 Milliarden Menschen Zugang zu einer Toilette.