Rezension „Das Gesicht des Fremden“

Cover "Das Gesicht des Fremden"
Autorin: Anne Perry. Erschienen bei Goldmann (www.randomhouse.de/goldmann), leider nur noch als E-Book erhältlich, ISBN E-Book 978-3-641-12735-0.

Der erste Satz: Er öffnete die Augen und sah nichts als fahles Grau über sich, eintönig wie ein Winterhimmel, bleiern und bedrohlich.

Anne Perry ist zweifelsohne eine Galionsfigur des historischen Krimis. Das 19. Jahr-hundert ist ihr Thema, und kaum ein Krimi-Leser ist nicht schon einmal über ihre Pitt-Reihe gestolpert. Weniger bekannt ist ihre Reihe rund um den ehemaligen Polizei-inspektor William Monk, der oft mit der Unterstützung der Krankenschwester Hester Latterly ermittelt.

Obwohl Perry mit der Reihe bereits in den 90er Jahren begonnen hat, weist Monk alle Charakteristika des heutzutage beliebten Detektiv-Typen auf: Er ist arrogant, kein ein-facher Mensch, hat nur wenige Freunde, ist ehrgeizig und dabei nur selten dip-lomatisch. Was schließlich auch Gründe dafür sind, dass er seinen Job bei der Polizei verliert und sich danach als selbstständiger Ermittler über Wasser halten muss.

Was die Konstellation in diesem Fall ungewöhnlich macht, ist der Ausgangspunkt. Die Reihe beginnt mit einem Unfall Monks, bei dem er sein Gedächtnis verliert. Er kann sich an überhaupt nichts mehr erinnern, selbst sein Gesicht im Spiegel ist ihm fremd. So muss er nicht nur Fälle lösen, sondern auch versuchen, seinem alten Ich auf die Spur zu kommen, denn niemand soll merken, was passiert ist. Je mehr er dabei von sich selbst entdeckt, desto unsympathischer wird er sich selbst.

Gleich bei seinem ersten Fall – ein junger Adeliger wird in seiner Wohnung erschlagen – begegnet er bei den Ermittlungen der Krankenschwester Hester Latterly, die ihn mit ihrer Intelligenz und ihrem Selbstbewusstsein gleichzeitig fasziniert und verrückt macht. Eine einfache Liebesgeschichte ist jedoch bei zwei Charakteren mit derartigem Dickkopf nicht zu erwarten, so viel sei schon einmal verraten.

Die Reihe rund um Monk und Latterly ist inzwischen bei Band 20 angekommen („Das Grab in der Themse“) und die Fälle bleiben gut gestrickt, zumindest ich konnte nur selten den Täter erraten. Genau das Richtige für alle, die bei Krimis auch gerne etwas zum Rätseln haben. Außerdem fasziniert das detailreiche Sittengemälde der Epoche, immer wieder werden Standesunterschiede oder Frauenrechte thematisiert, und selbst Monk kann sich nicht vom Denken seiner Zeit befreien.

Ebenfalls historisch interessant ist der Hintergrund des eben zu Ende gegangenen Krimkrieges. Seine Folgen spiegeln sich sowohl in der Krankenpflege als auch im Ego der herrschenden Klasse des Britischen Weltreichs wider. Ein bisschen zu genau ist Frau Perry, wenn es um Stoffe und Kleiderschnitte geht – teilweise haben diese etwas mit der Figurencharakterisierung zu tun, aber teilweise merkt man hier einfach nur, wie tief die Autorin in das Thema eingetaucht ist und wie dringend sie diese Informationen loswerden will.

Leseprobe unter: www.ebook.de/de/product/21677876/
anne_perry_das_gesicht_des_fremden.html

Fazit: Großartiges Lesefutter für Fans der Epoche mit einem unbequemen Protagonis-ten, der den Leser aber leicht in seinen Bann zieht.

[Tweet „Buchtipp für Fans viktorianischer Krimis, @Eyre_und_Mops“]

Rezension: Teufelsgrinsen

cover_teufelsgrinsenAutorin: Annelie Wendeberg. Erschienen bei Kiepenheuer und Witsch (www.kiwi-verlag.de), ISBN Taschenbuch 978-3-462-04643-4,ISBN E-Book 978-3-462-30772-6

Der erste Satz: Endlich finde ich die Ruhe, das niederzuschreiben, was enthüllt werden muss.

Um Ende des 19. Jahrhunderts in London als Arzt anerkannt zu werden, übt Anna Kronberg den Beruf als Mann verkleidet aus. Als Dr. Anton Kronberg, angesehener Epidemiologe, wird sie zu einem rätselhaften Leichenfund gerufen – und trifft dort auf Sherlock Holmes. Holmes durchschaut ihre Verkleidung und ist fasziniert von ihrem messerscharfen Verstand. Gemeinsam beginnen sie zu ermitteln und gehen sich gegenseitig sehr wohl auf die Nerven, was zu witzigen Dialogen führt. Schlussendlich siegt aber der gegenseitige Respekt.

Der Fall ist spannend, das Buch gewinnt aber vor allem durch die Figurenkonstellation – zwei sehr spröde, brillante Köpfe, die nur gemeinsam weiterkommen, aber eigentlich am liebsten allein arbeiten. Was mich persönlich am Anfang lange hat zögern lassen, das Buch in die Hand zu nehmen, ist das inzwischen schon sehr oft gebrauchte Motiv der Frau, die sich als Mann verkleiden muss, um in der Männergesellschaft zu bestehen. Das ist aber Geschmackssache, und so, wie es in die Geschichte integriert ist, ist es glaubwürdig.

Sehr viel schwieriger war die Aufgabe, die sich die Autorin gestellt hat, indem sie zwei so ähnliche Charaktere zu Hauptfiguren machte – Anna und Sherlock, zwei intelligente, aber sehr eigenwillige Figuren. Wunderbar gelöst hat sie das Problem jedoch dadurch, dass sich beide mit ihrer jeweiligen Art, die der eigenen ja sehr ähnlich ist, auf die Nerven fallen. Eine sehr schöne Idee, die überaus gut funktioniert.

„Teufelsgrinsen“ war nicht der letzte Fall des Duos, Teil zwei ist bereits unter dem Titel „Tiefer Fall“ erschienen.

Fazit: Eine gut erzählte Geschichte, die von dem Ermittlerduo lebt. Das Motiv, der Frau, die sich als Mann verkleidet, um beruflich weiter zu kommen, ist zwar nicht neu, aber sehr lesenswert umgesetzt.

Rezension: Inspector Swanson und der Fluch des Hope Diamanten

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Autor: Robert C. Marley

Erschienen im Dryas Verlag (www.dryas.de), ISBN Taschenbuch 978-3-940855-53-4, ISBN E-Book 978-3-941408-65-4

Der erste Satz: Die Zeit der Kerzen und der Gemütlichkeit.

Vorweg: Wenn ich über dieses Buch schreibe, bin ich voreingenommen, denn es ist im Dryas Verlag erschienen, somit war ich an der Veröffentlichung beteiligt. Und es ist ein großartiges Buch geworden, inhaltlich wie äußerlich!
Der Roman beginnt mit dem Mord an einem Goldschmied – ein Fall für Inspector Donald Sutherland Swanson von Scotland Yard. Swanson ist ein erfahrener Polizist, der, wie der Leser erfährt, auch schon bei den Ripper-Morden mit ermittelte, daher wird er nun auf diesen sehr verzwickten Fall angesetzt. Ihm zur Seite steht sein noch unerfahrener Assistent und im Laufe der Erzählung auch Oscar Wilde – nicht immer zur Freude von Swanson, aber wer kann Oscar Wilde schon stoppen, wenn dieser sich etwas in den Kopf gesetzt hat.
Der Fall wird immer mysteriöser und neue Morde kommen hinzu. Sehr schön sind die kleinen Anekdoten und Begegnungen im Laufe der Geschichte. Z.B. die mit Arthur Conan Doyle. Oder die Szene, als der bis eben noch unerfahrene Assistent das Schlafzimmer eines umso erfahreneren Mordopfers durchsucht und dabei auf merkwürdige Objekte wie Fesseln und Kugeln stößt.
Ich bin ein großer Oscar-Wilde-Fan und kenne seine Aphorismen auswendig. Daher ist es für mich eines der Highlights des Buches, wie der Autor es immer wieder schafft, diese in die Dialoge einzubinden, ohne dass es gestellt wirkt.
Die Hauptfigur des Inspector Swanson gab es übrigens wirklich. Der Autor hatte das Vergnügen, dessen Enkel kenne zu lernen – der sich im Übrigen sehr über die fiktiven Abenteuer seines Großvaters freut.
Ein Erzählung mit viel Humor, liebenswerten Charakteren und einer bis zum Schluss spannenden Geschichte.
Außerdem ein Buch, dass einfach schön anzusehen ist. Zwischen die Kapitel wurden kleine Illustrationen gesetzt, die beim Lesen für Atmosphäre sorgen. Das Highlight ist der blaue Farbschnitt des Buches, d.h. die Seitenränder sind blau eingefärbt. Das ist nicht nur optisch schön, sondern es sorgt für ein leises Knistern beim Umblättern. Übrigens: Bei einem Rundum-Farbschnitt kleben die Seiten leicht zusammen. Einfach einmal mit leichtem Druck mit dem Daumen über den Buchblock gehen, dann sind sie gelockert.

Übrigens: Inspector Swanson ermittelt weiter. Der nächste Roman erscheint im Mai 2015 und heißt „Inspector Swanson und der Fall Jack the Ripper“.

Leseprobe

Fazit: Englischer Humor und Figuren mit viel britischem Understatement, die einem schnell sympathisch sind. Außerdem ein Fall, der bis zum Schluss mysteriös bleibt.