Kategorien
Miss Eyres Bibliothek

Rezension „Exit this City“

Climate Fiction von Lisa-Marie Reuter

„Doch allmählich kenne ich meinen Exilplaneten gut genug, um die vielen Facetten des Wahnsinns voneinander unterscheiden zu können. Affen, die Schutzgeld erpressen: alltäglicher Wahnsinn. Sprechende Hunde: außerordentlicher Wahnsinn. Besser, ich bleibe auf der Hut.“

Ohne Erinnerung irrt Marti durch Delhi im Jahr 2158 und versucht, mehr über sich und seine Herkunft herauszufinden. Dabei weicht ihm ein Hund nicht von der Seite, mit dem er sprechen kann, sonst aber niemand. Eine Tatsache, die der Protagonist recht gelassen aufnimmt.

Parallel lernen die Leser*innen Paksha kennen, ein junges Mädchen, dessen Inselheimat untergegangen ist und die sich nun in Deutschland befindet. Europa ist der einzige Kontinent, in dem nach dem Klimawandel noch Nahrung angepflanzt werden kann. Doch das Saatgut für die Pflanzen, die in dem ausgelaugten Boden noch wachsen können, gehört nicht den Bauern, sondern einem Großkonzern. Dagegen formiert sich Widerstand, der von der mysteriöse Veeru angeführt wird. Paksha ist fasziniert von Veeru und schließt sich ihrer Bewegung an.

Beide Handlungsstränge scheinen sehr lange Zeit nichts miteinander zu tun zu haben, erst spät lässt die Autorin die Verbindungen erkennen. Während das Ziel von Veeru und somit auch Paksha sehr bald klar ist, dauert es, bis man erfährt, was Marti mit der Geschichte zu tun hat. Somit dauert es leider auch, bis man diesem Charakter näher kommt.

Die Besonderheit des Buches ist der Weltenbau, ein Zukunftsvision, in der Indien durch Digitalisierung wirtschaftlich und kulturell die Vorreiterrolle in der Welt übernommen hat. Und Europa ein armer Bauernkontinent geworden ist, der den Anschluss verpasst hat. Ein sehr ungewöhnliches Setting für Science-Fiction, das eindeutig den Reiz des Buches ausmacht.

Dazu passend wird jedem Kapitel ein zum Inhalt passender Begriff auf Hindi voran gestellt und auch in den Gesprächen immer wieder Hindi eingeflochten. Man merkt, wie gut sich die Autorin in der indischen Kultur auskennt, und es gelingt ihr, ihre Begeisterung zu übermitteln. Ein besonders schönes Sprachspiel ergibt sich durch die Übersetzung des Namens der deutschen Stadt, zu der Veeru unterwegs ist: „Masala Qila“, also „Gewürz Burg“. Oder, wie die Einheimischen sagen: Würzburg.

Einige Längen, vor allem am Ende des Buches, schmälern das Lesevergnügen zwar etwas, trotzdem ist es vorhanden und das Buch kann allen Leser*innen empfohlen werden, die nach einem neuen und spannenden Weltenbau in der Science Fiction suchen.

Autorin: Lisa-Marie Reuter; FISCHER Tor, ISBN: 978-3-596-70482-8, https://www.fischerverlage.de/buch/lisa-marie-reuter-exit-this-city-9783596704828

Kategorien
Blogbeiträge

Willkommen im Jahr 2015! – Sci-Fi, die wahr wurde

Wie immer wieder betont wird, hat die Zukunft begonnen, wir leben in spannenden Zeiten. Dinge, die zuvor nur Gegenstand von Science-Fiction-Romanen waren, existieren jetzt wirklich – oder sind in Arbeit, wie die Grafik „Prediction or Influence“ zeigt: (http://www.thinglink.com/scene/518775149890109440)

 

Prediction or Influence

Ob auch weitere Szenarien aus Science-Fiction-Literatur wahr werden, dem geht der Journalist David Bauer mit seinem Dystopia-Tracker nach (http://www.dystopiatracker.com). Auf der Plattform werden Vorhersagen gesammelt und es wird nach Umsetzungen gesucht, welche die Idee zur Wirklichkeit werden lassen – und es wird festgehalten, ob der Zeitpunkt der vorhergesagten Umsetzung denn schon erreicht wurde bzw. wie viel Zeit für die Realisierung noch verbleibt. Auch wenn es sich bei der Sammlung um eher negative Vorhersagen handelt, wie der Titel „Dystopia“ ja vermuten lässt, besteht David Bauer darauf, dass sein Projekt einen durchaus positiven Hintergrund hat, denn durch das Beobachten lassen sich auch Entwicklungen vermeiden.

Wenn man die Webseite von David Bauer durchforstet, muss man sagen: „Ja, wir leben in spannenden Zeiten.“ Aber irgendwo im Hinterkopf meldet sich eine Stimme und fragt: „Tatsächlich?“ Vielleicht handelt es sich bei dieser Feststellung auch nur um Gegenwartseitelkeit, wie Holm Friebe in seinem Buch „Die Stein-Strategie“ (http://www.holmfriebe.de/buecher/) behauptet. Und die wirklich spannenden Zeiten, so erklärt er, waren vor etwas mehr als 100 Jahren, als die Industrialisierung das Leben der Menschen wirklich von Grund auf änderte. Was ich nicht abstreiten möchte, denn das 19. Jahrhundert war einfach spannend – ich muss es ja wissen. J

Aber wie auch immer man die Zukunft deuten will oder was auch immer uns erwartet, schlussendlich weiß es niemand. Daher bleibt mir nur, allen das Beste für das kommende Jahr zu wünschen.