Rezension „Schnee über Devon“

cover_devon Autorin: Imelda Arran. Erschienen in Kindle Edition. Ausschließlich als E-Book bei amazon erhältlich.

Erster Satz: In den wirbelnden Flocken versuchte der Kutscher die Pferde zu zügeln, doch sie wieherten auf und scheuten, als die Frau direkt vor ihnen auf die Straße stürzte.

Auch wenn die junge Witwe Angela Summerset ihre Tochter Emily und sich selbst gerade so vor dem Verhungern bewahren kann, so ist sie doch stolz und will niemandem zur Last fallen. Auch Dr. Worsely nicht, der sie nach einem Unfall kostenlos behandelt – und sich in sie verliebt.

Doch der Standesunterschied scheint diese Liebe nicht zuzulassen; Angela möchte Worsely nicht schaden und er traut sich nicht, sich ihr zu offenbaren. Angela akzeptiert keine weitere Unterstützung von Worsely, daher vermittelt er sie als Angestellte in den Haushalt eines Freundes. Doch schneller als gedacht bereut er diese Entscheidung, da nicht nur er, sondern auch Angela und Emily dadurch ins Visier einer angesehenen und skrupellosen Familie der gehobenen Gesellschaft geraten.

Was zunächst als zarte Liebesgeschichte à la Jane Austen beginnt, entwickelt sich bald zu einem Intrigenspiel von geradezu atemlosen Tempo. Die Cliffhanger sind gut plaziert, man fiebert beim Lesen mit und kann sich nur schwer losreißen. Das Motiv der Verkupplungsspielchen des 19. Jahrhunderts wurde hier mit einem sehr, sehr bösen Krimi-Element gepaart. Schön ist, dass der historische Hintergrund nicht nur Fassade ist, sondern auch die Handlung beeinflusst. Und so in gesellschaftliche Abgründe blicken lässt, die Verbrecher wie Jack the Ripper hervorgebracht haben. Aber zu viel sei hier nicht verraten, Lesen lohnt sich.

Leseprobe: auf der Amazon Webseite beim Buch.

Fazit: Eine stimmungsvolle Romanze mit kriminellem Hintergrund, der für das richtige Maß an Spannung sorgt.

Rezension „Das Gesicht des Fremden“

Cover "Das Gesicht des Fremden"
Autorin: Anne Perry. Erschienen bei Goldmann (www.randomhouse.de/goldmann), leider nur noch als E-Book erhältlich, ISBN E-Book 978-3-641-12735-0.

Der erste Satz: Er öffnete die Augen und sah nichts als fahles Grau über sich, eintönig wie ein Winterhimmel, bleiern und bedrohlich.

Anne Perry ist zweifelsohne eine Galionsfigur des historischen Krimis. Das 19. Jahr-hundert ist ihr Thema, und kaum ein Krimi-Leser ist nicht schon einmal über ihre Pitt-Reihe gestolpert. Weniger bekannt ist ihre Reihe rund um den ehemaligen Polizei-inspektor William Monk, der oft mit der Unterstützung der Krankenschwester Hester Latterly ermittelt.

Obwohl Perry mit der Reihe bereits in den 90er Jahren begonnen hat, weist Monk alle Charakteristika des heutzutage beliebten Detektiv-Typen auf: Er ist arrogant, kein ein-facher Mensch, hat nur wenige Freunde, ist ehrgeizig und dabei nur selten dip-lomatisch. Was schließlich auch Gründe dafür sind, dass er seinen Job bei der Polizei verliert und sich danach als selbstständiger Ermittler über Wasser halten muss.

Was die Konstellation in diesem Fall ungewöhnlich macht, ist der Ausgangspunkt. Die Reihe beginnt mit einem Unfall Monks, bei dem er sein Gedächtnis verliert. Er kann sich an überhaupt nichts mehr erinnern, selbst sein Gesicht im Spiegel ist ihm fremd. So muss er nicht nur Fälle lösen, sondern auch versuchen, seinem alten Ich auf die Spur zu kommen, denn niemand soll merken, was passiert ist. Je mehr er dabei von sich selbst entdeckt, desto unsympathischer wird er sich selbst.

Gleich bei seinem ersten Fall – ein junger Adeliger wird in seiner Wohnung erschlagen – begegnet er bei den Ermittlungen der Krankenschwester Hester Latterly, die ihn mit ihrer Intelligenz und ihrem Selbstbewusstsein gleichzeitig fasziniert und verrückt macht. Eine einfache Liebesgeschichte ist jedoch bei zwei Charakteren mit derartigem Dickkopf nicht zu erwarten, so viel sei schon einmal verraten.

Die Reihe rund um Monk und Latterly ist inzwischen bei Band 20 angekommen („Das Grab in der Themse“) und die Fälle bleiben gut gestrickt, zumindest ich konnte nur selten den Täter erraten. Genau das Richtige für alle, die bei Krimis auch gerne etwas zum Rätseln haben. Außerdem fasziniert das detailreiche Sittengemälde der Epoche, immer wieder werden Standesunterschiede oder Frauenrechte thematisiert, und selbst Monk kann sich nicht vom Denken seiner Zeit befreien.

Ebenfalls historisch interessant ist der Hintergrund des eben zu Ende gegangenen Krimkrieges. Seine Folgen spiegeln sich sowohl in der Krankenpflege als auch im Ego der herrschenden Klasse des Britischen Weltreichs wider. Ein bisschen zu genau ist Frau Perry, wenn es um Stoffe und Kleiderschnitte geht – teilweise haben diese etwas mit der Figurencharakterisierung zu tun, aber teilweise merkt man hier einfach nur, wie tief die Autorin in das Thema eingetaucht ist und wie dringend sie diese Informationen loswerden will.

Leseprobe unter: www.ebook.de/de/product/21677876/
anne_perry_das_gesicht_des_fremden.html

Fazit: Großartiges Lesefutter für Fans der Epoche mit einem unbequemen Protagonis-ten, der den Leser aber leicht in seinen Bann zieht.

[Tweet „Buchtipp für Fans viktorianischer Krimis, @Eyre_und_Mops“]

Rezension: „Das Geheimnis der Lady Audley“

Das Geheimnis der Lady Audley Autorin: Mary Elizabeth Braddon (übersetzt und bearbeitet von Anja Marschall)
Erschienen in bearbeiteter Version von 2014 bei Dryas (www.dryas.de), ISBN Taschenbuch 978-3-940855-47-3, ISBN E-Book 978-3-941408-53-1, ungekürzt 1998 bei dtv (www.dtv.de) und im Original 1862 auf Englisch im Sixpenny Magazine von Maxwell bzw. neu aufgelegt bei Wordsworth Classics.

Der erste Satz: Das Herrenhaus von Audley Court verbarg sich in einem Tal mit prächtigen alten Bäumen und üppigen Weiden.

Als der Onkel des Londoner Anwalts Robert Audley wieder heiratet, und zwar die deutlich jüngere, wunderschöne Lucy Graham, besucht Robert ihn mit seinem Freund George, um die neue Lady Audley kennenzulernen. Doch offensichtlich kennen sich George und Lucy, und es scheint ihm, als würde Lucy ein dunkles Geheimnis umgeben. Doch bevor Robert mehr darüber erfahren kann, reist George überstürzt ab – in London kommt er aber nie an. Robert macht sich auf die Suche nach seinem Freund und gelangt bald zu der Überzeugung, dass er ihn nur finden kann, wenn er das Geheimnis lüftet, das Lucy Graham so sorgfältig hütet.

Die Autorin dieses viktorianischen Thrillers mit Gänsehautgarantie wurde 1837 (oder 1835, je nach Quelle) in London geboren. Ihre Eltern trennten sich, und die Liebe ihres Lebens, der Verleger John Maxwell, war bereits verheiratet, als sie ihn kennenlernte. So sind Scheidung, Bigamie und Ehebruch ein häufiges Thema ihrer Romane. Bis zu ihrem Tod 1915 schrieb sie über 80 Romane – die genaue Zahl ist nicht bekannt, da sie auch unter Pseudonym veröffentlichte und man daher bei einigen Texten nicht sicher ist, ob sie ihr zuzuordnen sind.

Braddon galt als die „Queen of Suspense“ ihrer Zeit, zu ihren Lesern gehörten Alfred Tennyson, Oscar Wilde oder Charles Dickens. Ihre Geschichten sind zeitlos spannend, nur ihr Schreibstil war sehr mit ihrer Epoche verhaftet. Daher wurde ihr Buch „Lady Audley’s Secret“ 2014 im Dryas Verlag von Anja Marschall neu übersetzt und dabei vorsichtig bearbeitet, so dass der Focus wieder auf der Geschichte liegt, man den viktorianischen Stil zwar noch sehr gut spürt, er aber nicht mehr stört, z. B. die ausufernde Länge der Landschaftsbeschreibungen. Geblieben ist auf jeden Fall die sprachliche Ironie wie beispielsweise in der Berufsbeschreibung von Robert Audley: „Robert Audley war angeblich Advokat. […] Sein Vater hatte ihm vierhundert Pfund im Jahr hinterlassen, und seine Freunde hatten ihm geraten, diesen Betrag durch den Eintritt in den Anwaltsstand zu vermehren. Und als er nach reiflicher Überlegung zu der Erkenntnis gelangt war, dass es weit mehr Mühe bereite, den Wünschen dieser Freunde zu widerstehen […], hatte er sich für Letzteres entschieden und nannte sich nun ohne irgendwelche Bedenken Advokat.“
Wer das Original auf Englisch lesen möchte, findet den gemeinfreien Text im Projekt Gutenberg: http://www.gutenberg.org/files/8954/8954-h/8954-h.htm

Leseprobe der Übersetzung: http://www.dryas.de/baker-street/das-geheimnis-der-lady-audley

Fazit: Viktorianische Geheimniskrämerei mit Gänsehautfaktor von der „Queen of Suspense“ der Epoche.